Wilde Schafsjagd
von Haruki Murakami
Ich weiß gar nicht mehr, wo ich über Ratte las, aber seit ein paar Monaten stand mit Wilde Schafsjagd eines der frühen Werke von Haruki Murakami auf meinem pile of shame.
Doch Frühwerk bedeutet nicht, dass hier irgendetwas nicht nach Murakami klingt. Ob es nun sein Schreibstil ist (die kurzen prägnanten Sätze), die Angewohnheit, ausgiebig über die Zubereitung und den Verzehr von Essen zu schreiben, oder der autobiografische Aspekt der amerikanischen Popkultur - auch am Anfang seiner Karriere war das alles schon vorhanden.
Beliebte Themen, die sich durch viele seine Bücher ziehen, finden sich ebenso an: Die Weigerung, den handelnden Personen Namen zu geben und sie stattdessen nach ihrer Funktion oder Rolle zu bezeichnen (die Freundin, der Partner, der schwarze Sekretär, der Schafsprofessor). Die Flucht aus der Situation in abgelegene, schwer erreichbare Hütten, die meist nur das Ende der physischen Reise darstellen (siehe auch Kafka am Strand). Und der Hauptgrund, weshalb ich Murakami liebe: die phantastischen Elemente seiner Werke, gerne auch als magischer Realismus bezeichnet.
In Wilde Schafsjagd ist es die Idee eines Schafes, das sich in den Köpfen von Menschen einnistet und dort “seine eigenen Pläne verfolgt”. Der namenlose Protagonist hat aus Versehen ein Foto von diesem Schaf veröffentlicht und wird gezwungen, das Schaf ausfindig zu machen. Dabei hat er das Foto nicht einmal selber geschossen, sondern von einem Freund per Post zugesendet bekommen. Nun muss er also mit seiner Freundin, die “übersinnlich schöne Ohren” hat und zu Orakel-haften Vorhersagen neigt, diesen Freund Ratte ausfindig machen, und begibt sich dazu auf eine Reise von Tokio nach Sapporo auf Hokkaido und immer weiter in den Norden, wo nicht nur der Winter wartet.
Ein paar Aspekte am Buch haben mich aber (positiv) überrascht. Zum einen ist es sehr humorvoll. Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal bei Murakami so gelacht zu haben. Wo sonst die schwermütige Melancholie dominiert, nimmt er sich gerade im mittleren Teil nicht so ernst und beleuchtet auch die komischen Seiten seiner abwegigen Ideen. Das geht so weit, dass er eine seine Marotten (die namenlosen Charaktere) auf der Metaebene anspricht, wenn es um den (natürlich) fehlenden Namen seines Katers geht.
Ebenfalls spannend fand ich die Zeitlosigkeit des Werks. Es spielt hauptsächlich 1978 und wurde Anfang der 80er geschrieben, doch sowohl Thema (dazu gleich mehr) als auch Umsetzung merkt man das Alter kaum an. Klar, in einem Büro geht es heute vielleicht anders zu, und es werden viel mehr Strecken mit dem Auto als mit der Bahn zurückgelegt, doch ansonsten weigert sich Murakami, sich dem Zeitgeist anzubiedern.
Meine Interpretation der Handlung ist dann auch eine Frage, die ebenso die heutige Gesellschaft bewegt wie die Menschen vor 45 Jahren. Wie geht man mit dem Konformitätsdruck des eigenen Umfelds um? Wer bestimmt, was wir wollen? Und kann man daraus ausbrechen und wenn ja, wo führt das hin?
Der Ich-Erzähler hat sich nach dem Studium in die Gesellschaft eingegliedert, doch spürt dabei keine Erfüllung. Eine frühere Freundin hat dies nicht getan und ist mit 25 gestorben; sein Partner in der Werbeagentur ist zum Säufer geworden. Seine aktuelle Freundin versteckt ihre Ohren, weil sie nicht weiß was passiert, wenn die anderen Menschen sie sehen. Nur Ratte (der freigeistige Teil der Persönlichkeit des Hauptcharakters?) verweigert sich dem angepassten Leben.
Der Konformitätsdruck in Japan war schon immer sehr hoch und mit ihm ein starker Hierarchiegedanke. Das Schaf könnte in dieser Lesart für genau diesen Gedanken stehen, aber der Protagonist versteht dieses Funktionieren in festen Strukturen nicht (genau wie der Schafsprofessor), weshalb er auch so fragend das Büro gegenüber vom Hotelraum in Sapporo beobachtet. Nun soll er wieder “eingegliedert” werden und wird deshalb auf die Reise zum “Verständnis” geschickt.
Doch auch wenn (Achtung Spoiler!) Ratte am Ende stirbt, so nimmt er doch zumindest das Schaf und die Organisation mit in den Tod. Und an der Stelle wurden mir die Parallelen zum Film Fight Club deutlich: Ein Charakter mit multiplen Persönlichkeiten; die Kritik am Kapitalismus und Konsumismus; das Zusammenführen der Persönlichkeiten des Charakters am Ende mit einer kataklysmischen Explosion. Offiziell hat niemand die Inspiration durch Wilde Schafsjagd zugegeben, aber für mich ist das gegenseitige Befruchten der amerikanischen und japanischen Popkultur ein wunderbares Zeichen, wie Globalisierung funktionieren kann - und dass Wilde Schafsjagd einfach ein tolles Buch ist und Murakami nur einen kleinen Anlauf brauchte, um zu seinem Stil zu finden.