Plymouth

Die Amerikaner sind ein sehr progressives Volk. Wenn etwas Altes weichen muss, um etwas Neues auszuprobieren, dann tun dies die Amerikaner im Zweifel auch – mit dem Ergebnis, dass trotz der verhältnismäßig kurzen Geschichte der USA nur wenige historische Gebäude oder Museumsstücke erhalten sind. Das sieht man nirgendwo deutlicher als in Plymouth, wo einst die Besiedlung von Neuengland begann. Dessen Küste hatte der englische Abenteurer John Smith (der von Pocahontas) 1614 kartografiert und der spätere König Charles I. (damals 14 Jahre alt) hatte in einer Stunde der Muße und Kreativität der Karte bekannte englische Namen für mögliche Siedlungen hinzugefügt – einer davon war Plymouth.

1620 landeten dort mit den heute als Pilgerväter bezeichneten Puritanern die ersten englischen Siedler. Diese waren vorher schon von England nach Holland geflüchtet, um ihre Relegion frei leben zu können, und sahen in der Kolonialisierung der neuen Welt die Chance, endlich Herr über eigenen Boden zu sein – der Ursprung des amerikanischen Geistes. Also charterten sie ein Schiff, die legendäre Mayflower, und setzten über mit 100 Siedlern, von denen nur die Hälfte den ersten Winter überlebte.

Das heutige Plymouth rühmt sich für diese Historie, doch ist diese Besinnung auf die eigene Geschichte eher jüngerer Natur. So steht im Hafen ein Nachbau der Mayflower, der besichtigt werden kann und als eine Art Freilichtmuseum einen interessanten Einblick in die Schifffahrt um das Jahr 1600 herum bietet. Sehr überrascht war ich über die geringe Größe des Schiffes, da ich mir bei besten Willen nicht vorstellen kann, wie dort 100 Passagiere und 30 Mann Besatzung 60 Tage lang gelebt haben sollen. Gleich neben der Mayflower II hat die Stadt einen Portikus aufgebaut für den Plymouth Rock, einen großen Stein, an dem laut Legende die Siedler bei ihrer Ankunft angelegt haben. In den Stein ist deshalb das Jahr 1620 eingraviert, doch von dem örtlichen Touristenführer wurde freimütig zugegeben, dass der Stein schon oft die Lage gewechselt hat und sein Ursprung alles andere als bis in das Jahr 1620 zurückverfolgt werden kann.

Ebenfalls nicht so alt wie die Siedlung ist der Friedhof auf dem Hügel hinter der Kirche. Obwohl hier angeblich William Bradford, der zweite Governor der Kolonie Plymouth, begraben liegt, stand an dieser Stelle das erste Fort der Siedler; erst später wurde das Gebiet als Friedhof genutzt. Viel Originales gibt also nicht zu sehen in der Stadt, aber wer möchte den Pilgervätern verübeln, dass sie in den ersten entbehrungsreichen Jahren noch nicht an die Zeit 400 Jahre später dachten. Die heutigen Bewohner leben dafür ganz gut von den Touristen und trotz einer großen Auswahl an Museen hat ein halber Tag ausgereicht, um alles wichtige in Plymouth zu sehen.

In time

USA (2011)
Regie: Andrew Niccol
Darsteller: Justin Timberlake (Will Salas), Amanda Seyfried (Sylvia Weis), Cillian Murphy (Timekeeper Raymond Leon), Vincent Kartheiser (Philippe Weis), Johnny Galecki (Borel), Olivia Wilde (Wills Mutter), Matt Bomer (Henry Hamilton) und andere Uhrenträger

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In einer fernen Zukunft hat sich die Menschheit mit Hilfe der Gentechnik so weit entwickelt, dass das Altern aufgehalten werden konnte. Alle Menschen wachsen und entwickeln sich nur noch 25 Jahre lang und behalten danach ihr Aussehen – so sie denn genügend Zeit haben. Denn die Zeit ist als Währung an die Stelle von Geld getreten, und jeder Mensch trägt am Unterarm eine digitale Uhr, die sein Zeitkonto anzeigt und damit die Menge der ihm verbleibenden Zeit. Läuft diese Uhr ab, stirbt der Mensch.

Doch trotz der Chance, praktisch ewig zu leben, profitiert nicht die gesamte Bevölkerung von diesem Fortschritt. Ganz im Gegenteil ist die soziale Spaltung der Gesellschaft so weit fortgeschritten, dass die Menschen je nach Zeit auf dem Konto in Zeitzonen aufgeteilt sind, die streng voneinander abgeschottet werden. Die Timekeepers, eine Art Polizei, sorgt dafür, dass nicht zu viel Zeit die Zonen wechselt, und zementiert damit die sozialen Verhältnisse.

Will Salas ist in einer der ärmsten Zeitzonen aufgewachsen. Jeden Tag erarbeitet er sich in einer Fabrik die Zeit, um einen weiteren Tag das Überleben zu sichern – auf seiner Uhr sind selten mehr als 24 Stunden zu sehen. Als er von einem Fremden, der kurz danach Selbstmord begeht, einhundert Jahre gutgeschrieben bekommt, macht sich Will auf in die Zeitzone der Reichen, deren Überfluss er kaum glauben kann. Dort lernt er Sylvia kennen, deren Vater eine wichtige Zeitbank führt und die sich deshalb noch nie Gedanken um die Zeit auf ihrer Uhr machen musste. Als die Timekeeper Will aufspüren und zurück in seine Zeitzone bringen wollen, nimmt er Sylvia als Geisel und entführt sie in seine Zeitzone…

Mit In time entwirft Andrew Niccol, der schon für Gattaca verantwortlich zeichnete, erneut eine interessante Zukunftsvision. Doch sein neuer Film wird vermutlich nie den Status seines Erstlings erringen, zu sehr bedient er sich in seinem Drehbuch bei Filmklassikern von Metropolis (die Arbeitsbedingungen in Wills Fabrik) über Robin Hood bis Bonnie und Clyde (der Überfall auf die Zeitbank). Man spürt förmlich in jeder Szene des Films, wie Niccol ein Statement gegen die immer weiter aufklaffende soziale Schere setzen will und dabei seine Charaktere etwas aus den Augen verliert. Dass sich Will und Sylvia ineinander verlieben werden ist schnell klar, doch In time schafft es nicht zu vermitteln, wie dies passiert. Da der Film gleichzeitig noch eine Verfolgungsjagd durch den Timekeeper – Cillian Murphy in Lederkluft ist deutlich unterfordert – mit einer unmotivierten Vatergeschichte verknüpft, ist einfach zu wenig Zeit für eine vernünftige Figurenentwicklung vorhanden.

Überzeugend ist dagegen die Grundidee von In time, die aber akzeptiert werden muss. Wer schon die zu Beginn aus dem Off propagierte Prämisse in Frage stellt, wird mit dem folgenden Film nicht glücklich. Und verpasst dabei ein wunderbares Gedankenexperiment, das neben vielen Wortspielen mit “Zeit” und kleinen Details im Hintergrund (99-Sekunden-Shop) vor allem durch seinen Gesellschaftsentwurf besticht.

Nichts ist erschreckender als zu sehen, wie die immer am Limit kalkulieren müssende Mutter von Will stirbt, weil die Busgesellschaft ihre Preise erhöht hat. In der heutigen Gesellschaft bedeutet kein Geld zu haben noch lange nicht den Tod, doch wenn man Geld und Zeit gleichsetzt ändern sich plötzlich die Verhältnisse hin zu denjenigen Kräften in der Gesellschaft, die über die Zeit bestimmen. Es gibt schließlich keine besseren Arbeitnehmer als diejenigen, die nicht mehr streiken können, weil sie keinen Tag ohne ihr Gehalt in Form von weiteren 24h Lebenszeit auskommen können.

Dieses Abhängigkeitsverhältnis ist Sozialdarwinismus extrem, in dem nicht nur mit allem Lebensnotwendigen gehandelt wird, sondern auch das Leben selber zur Ware geworden ist. Und ist dieses System erst einmal etabliert, kann man es wunderbar kontrollieren und somit die Gesellschaft zum Stillstand bringen, wie der Film so eindringlich ausführt.

Im Gegensatz zur Visions des Films hat die Ausstattung bei mir gemischte Gefühle hervorgerufen. Auf der einen Seite malen die scheinbar endlosen Betonflächen der leeren Highways mit ihren Sportwagen und Limousinen im Retrolook das Bild einer stagnierenden, rückwärtsgewandten Luxusgesellschaft. Dazu passen die kalten Farben, in denen die Szenen in der Zeitzone der Reichen gehalten sind, und die im Kontrast zu den warmen Tönen der Armensiedlung stehen. Diese Differenzierung der Zeitzonen setzt sich fort bis hin zu den Frisuren, wo Amanda Seyfried besonders auffällt – wenn auch negativ.

Doch den vielen passenden Details stehen andere Aspekte gegenüber, die nicht zu Ende gedacht wurden oder einfach nur oberflächlich behandelt werden. So sterben im Film einige Figuren, weil ihre Uhr abgelaufen ist. Diese Menschen fallen einfach dort, wo sie sich gerade befinden, tot um. Doch gleichzeitig sind die Straßen leer und aufgeräumt, was genauso wenig passt wie dass die Hochhäuser in den reicheren Zeitzonen stehen und die Armenviertel nur eine niedrige Bebauung haben. In das durchwachsene Bild passt auch, dass ich gefühlt in 90% der Außenszenen immer wieder wieder dieselbe Brücke aus L.A. aus verschiedenen Blickwinkeln sehen musste.

Fazit: In time funktioniert als Film eher schlecht als recht. Den Figuren nimmt man ihre Entwicklung nicht ab, weil die Handlung zu viele Baustellen aufreißt und vielen interessanten Details stehen Ideen gegenüber, die nicht zu Ende gedacht wurden. Wer jedoch gesellschaftliche Gedankenspiele mag, sollte ruhig einen Blick wagen, denn die entworfene Zukunftsvision hat ihre Reize, die zudem optisch ansprechend verpackt sind.

Washington, D.C.

Eine Hauptstadt für die neugegründeten Vereinigten Staaten von Amerika zu finden war keine leichte Aufgabe. Der erste Präsident der USA und spätere Namensgeber der Stadt, George Washington, wurde noch in New York vereidigt; danach tagte der Kongress in Philadelphia bis zur sogenannten Pennsylvania-Meuterei, die den Kongress zur Flucht nötigte. Auf der Suche nach einer Stadt mit eigener Hoheit und außerhalb des direkten Einflusses der Bundesstaaten wurde schließlich ein sumpfiges Gebiet am Potomac River symbolisch von Maryland und Virginia an den Kongress abgetreten. Dort begann 1792 mit der Grundsteinlegung für das Weiße Haus der Bau der Hauptstadt im gerade modernen Schachbrettmuster. Als Name wurde District of Columbia (D.C.) gewählt um zu zeigen, dass diese Stadt den gesamten Vereinigten Staaten und nicht einem einzelnen Staat untersteht – Columbia ist eine aus der Mode gekommene Personifizierung der USA.

Viel Glück war der neuen Hauptstadt am Anfang nicht beschieden, denn schon 1812 – gerade einmal 12 Jahre nach dem Einzug der Regierung – griffen die Engländer die Stadt an und brannten sie nieder. Das Weiße Haus und das Capitol mussten aufwendig repariert werden und die Bilder von damals machen es schwer, sich dort das moderne Washington D.C. vorzustellen. Viele wichtige Bauwerke, die heute die Stadt prägen, gab es damals noch nicht und das Ufer des Potomac River wurde in den letzten zwei Jahrhunderten mehrmals umgestaltet. Vor kurzem erst wurde mit dem Martin Luther King Memorial ein weiteres Denkmal der beeindruckenden Sammlung von Gedenkstätten und Museen hinzugefügt, die das Zentrum von D.C. ausmachen.

Das erste Ziel bei meinem Besuch der Stadt war das Weiße Haus, das wie kein anderes Gebäude zum Symbol für das Machtzentrum des kapitalistischen Westens geworden ist. Von Norden her kam ich sehr nah, nämlich bis an den Zaun, an das neoklassizistische Sandsteingebäude heran (dies ist auch die Seite, die bei Fernsehübertragungen zu sehen ist). Die spannende Seite ist jedoch die südliche. Dort liegt nicht nur das Oval Office im Westflügel, sondern es finden auch Empfänge statt und die Hubschrauber landen dort (am Labor Day konnte ich abends Obamas Ankunft beobachten). Deshalb ist das Gelände auf dieser Seite weiträumiger abgesperrt und das Sicherheitspersonal allgegenwärtig.

Weiter südlich vom Weißen Haus befinden sich dann all die Wahrzeichen, deren Zerstörung ich in Katastrophenfilmen von Independence Day bis Mars Attacks! bestaunt habe. Das Capitol (Sitz von Senat und Repräsentantenhaus), das Washington Monument (der Obelisk) und das Lincoln Memorial liegen auf einer Achse eines lang gezogenen Parks, der National Mall, dessen Fläche über die Jahre hinweg den sumpfigen Ufern des Potomac River abgetrotzt wurde. Zwischen Capitol und Washington Monument reiht sich auf beiden Seiten des Parks ein Museum an das nächste, die allesamt kostenfrei besucht werden können. Zwischen Washington Monument und Lincoln Memorial sind dagegen die Gedenkstätten angesiedelt, vom Jefferson Memorial auf einer Insel im Potomac über Memorials für jeden größeren Krieg des letzten Jahrhunderts bis hin zum Reflecting Pool, welcher je nach Blickwinkel die umgebenden Gedenkstätten reflektiert und durch den schon Forrest Gump watete.

Leider hatte ich in mehrerer Hinsicht Pech bei meinem Besuch von Washington D.C.. Zum Einen hat es fast pausenlos geregnet, da Sturm Lee über die Stadt hinwegzog, zum Anderen war sowohl das Washington Monument aufgrund von Erdbebenschäden geschlossen als auch der Reflecting Pool aufgrund von Umbaumaßnahmen gerade eine einzige Baustelle, in welcher höchstens die Pfützen reflektierten.

Doch ich habe eine Regenpause gefunden, um mir den Skulpturengarten des Hirshhorn Museums anzusehen – eine Erfahrung, die ich unbedingt weiterempfehlen kann. Die trotz ihrer Exquisität recht umfangreiche Sammlung des auf moderne Kunst spezialisierten Museums enthält neben den in den angehängten Fotos zu sehenden Werken von Miró und Yoko Ono auch mehrere Installationen und hat mir durch die Bank weg gefallen. Da ich bisher Skulpturen nur in ihrer klassischen Form wahrgenommen hatte war ich erstaunt, welche Bandbreite an Formen moderne Exemplare dieser Kunstrichtung einnehmen. Verglichen damit ist der Garten des MOMA (dazu später mehr) geradezu ein Witz.

Für den Besuch von mehr Museen fehlte mir leider die Zeit, da ich auch einen Ausflug auf die andere Seite des Potomac Rivers unternommen habe, um mir das Pentagon von Nahem anzusehen. Mit der U-Bahn konnte ich direkt bis an das Gebäude fahren, um dort aber festzustellen, dass es sich nicht gelohnt hat. Denn das Pentagon ist einfach nur ein hässlicher Bürobunker mit so unglaublichen Ausmaßen, dass von ebener Erde aus nie mehr als zwei Seiten gleichzeitig zu sehen sind und so der fünfeckige Grundriss nicht erlebbar wird. Zudem sind die Sicherheitsmaßnahmen rund um das wie ein Militärstützpunkt abgeriegelte Gebäude nervig (“No photos allowed”), wobei sie die Gefahr von Flugzeugabstürzen gar nicht senken können – die Einflugsschneise des Washingtoner Flughafens liegt genau über dem Pentagon und die Flugzeuge haben beim Landeanflug eine so geringe Höhe, dass der Lärm unbeschreiblich ist.

Zum Schluss möchte ich noch einen Tipp für die Hotelsuche geben: Umgeben von Büro- und Verwaltungsgebäuden, ist im Zentrum der Hauptstadt außerhalb der Arbeitszeiten (also abends und an Wochenenden/Feiertagen) nicht viel los. Erst im Bereich der George-Washington-Universität werden die Straßen belebter und finden sich mehr Bars & Kneipen; in Georgetown schließlich wandelt sich Washington zu einer normalen Stadt mit Supermärkten, Wohnungen und einem Nachtleben. Durch die U-Bahn erreicht man das Zentrum problemlos, so dass man dort nicht auch übernachten muss.

Halle ist Budapest

Jedenfalls für den Film Carlos über den Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, der vor kurzem als Directors Cut auf arte lief. Wann immer eine Außenaufnahme in Budapest im Bild zu sehen ist, sieht der Zuschauer in Wirklichkeit das Paulusviertel mit seinen Villen im Gründerzeitstil. Anfangs kamen mir die Straßenzüge nur seltsam bekannt vor, doch dann wurde in einem Schwenk die markante Pauluskirche auf ihrem Hügel erfasst und damit war ein Irrtum auszuschließen. Da haben die Produzenten ihren Aufenthalt in Halle (in der Messe wurden die Innenaufnahmen zum Überfall von Carlos auf die Konferenz der OPEC-Länder in Wien gedreht) gleich noch für weitere Szenen genutzt, was ich deutlich angenehmer – weil unverbrauchter – finde, als immer und immer wieder Berlin in internationalen Filmen zu sehen.

Die Pauluskirche in Carlos

1Q84 Buch 3

von Haruki Murakami,
erschienen bei Dumont, ISBN 978-3-832-19588-5, 24,00€

Mein Jahr 2011 begann mit 1Q84 von Haruki Murakami, und nun endet es mit 1Q84 – dem dritten Buch. Wie schon in meiner Besprechung der ersten beiden Teile (in Deutschland in einem Band erschienen) erwähnt, war deren Handlung noch nicht abgeschlossen, und so war ich gespannt, wie es mit Aomane und Tengo weitergeht und ob meine Interpretationen des Gelesenen korrekt waren.

Buch 3 beginnt dort, wo der zweite Teil aufhörte: Aomane, die den Anführer der mit den Little People redenden Sekte getötet hat, wartet in ihrer als Zuflucht dienenden Wohnung darauf, dass Tengo auf den Spielplatz zrückkehrt, wo er den zweiten Mond entdeckt hat. Doch Tengo hat am Bett seines Vaters gesehen, wie eine kleine Aomane in einer Puppe aus Luft gewoben wurde, und besucht den im Koma liegenden Vater deshalb täglich im Pflegeheim in der Hoffnung auf eine Wiederholung dieses Wunders. Währenddessen hat der von der Sekte beauftragte Privatdetektiv Ushikawa die Verbindung zwischen Tengo und Aomane aufgedeckt und damit nicht nur die beiden, sondern auch sich selbst in große Gefahr gebracht…

Folgten die ersten beiden Teile von 1Q84 noch der strengen Vorgabe sich einander abwechselnder Tengo- und Aomane-Kapitel, so erweitert Murakami dieses Muster im dritten Buch um einen dritten Hauptcharakter mit eigenen Abschnitten – Ushikawa. Dieser recherchiert im Auftrag der Sekte sicherlich das halbe Buch lang in mühsamer Kleinarbeit die Handlung der ersten beiden Bücher. Ob der bis dahin nur als Nebenfigur auftretende Ushikawa in seinem Status erhöht wurde, um Einsteigern eine Einführung in das bisherige Geschehen zu geben, weiß ich nicht. Der Effekt für Leser von Buch 1 & 2 ist jedoch, dass diese sich langweilen, da sie die Handlung schon kennen und darauf warten, dass sie fortgeschrieben wird anstatt noch einmal neu aufgekocht zu werden.

Ich persönlich bin außerdem kein Fan der festen Kapiteleinteilung. Die Kapitel sind nur innerhalb ihres eigenen Erzählstranges zeitlich fortlaufend; dem gegenüber kann sich die Zeit ändern wenn die handelnde Person wechselt. Und das macht das Nachvollziehen der Handlung unnötig kompliziert. Bis zum Ende von Buch 2 war dies kein Problem sondern sogar eine Stärke von 1Q84, da sich die Handlungsstränge nie kreuzten und so viel Raum für eigene Interpretationen blieb. In Buch 3 dagegen gibt es immer wieder Überschneidungen, vor allem auf dem Spielplatz, ohne das klar ist, welcher der wiederkehrenden Besuche von Tengo und Ushikawa durch Aomane beobachtet wird. Da diese Ungewissheit jedoch wenig Einfluss auf das Verständnis der Handlung hat, sondern sie mit ihrem wiederholenden Charakter nur unnötig aufbläht, bekamm ich beim Lesen das Gefühl, dass die zeitlichen Sprünge eine schlecht kaschierte Nebenwirkung der festen Kapiteleinteilung sind.

Sei es drum, später sorgt Ushikawa schließlich ungewollt dafür, dass die Verbindung zwischen Aomane und Tengo hergestellt wird und hat sich so seine Daseinsberechtigung innerhalb des Buches verdient – inklusive einem unrühmlichen Abgang. Generell werden viele Handlungsfäden in 1Q84 Buch 3 abgeschnitten, indem die damit verbundenen Figuren verschwinden: Tengos Vater stirbt, Fukaeri verschwindet, der Verleger wird entführt und die alte Dame zieht sich komplett in den Hintergrund zurück. So werden alle Seile gekappt, die Aomane und Tengo noch in der Welt von 1Q84 halten, und ihr Abschied daraus forciert. Denn Murakami gönnt seinen beiden Hauptcharakteren tatsächlich so etwas wie ein Happy-End, wenngleich ein großes Fragezeichen stehen bleibt und die Tür für weitere Fortsetzungen offen steht.

1Q84 bleibt auch in Band 3 ein Buch, das mit interessanten Plotelementen zu überraschen weiß. So wird Aomane schwanger, ohne Sex gehabt zu haben, und Tengo macht übersinnliche Erfahrungen mit einer Eule aus dem Wald. Alle Hauptcharaktere bekommen Besuch von einem NHK-Gebühreneintreiber (vermutlich der umherwandernde Geist von Tengos Vater), der lautstark an die Türen klopft und die Menschen aus ihren Verstecken treiben will. Alles in diesem Buch arbeitet also darauf hin, dass sich Aomane und Tengo endlich wiedersehen, und so sollte es nicht verwundern, dass dies am Ende tatsächlich passiert.

Viele Fragen bleiben darüber hinaus aber unbeantwortet. Warum gibt es überhaupt Mothers und Daughters, wofür veranstalten die Little People den ganzen Aufwand? Treten die Aomane, die Tengo bei seinem Vater in einer Puppe aus Luft gesehen hat, und die aus der Puppe nach Ushikawas Tod entstandene Person an die Stellen von Tengo und Aomane, die die Welt von 1Q84 verlassen haben? So wie Fukaeri vermutlich nur eine Daughter ist, die erzeugt wurde, um den Samen von Tengo zu transportieren? Aber was war das Ziel all dieser Mühen? Ein manipuliertes Kind in eine andere Welt zu schicken – eine Welt mit einem nach links schauenden Esso-Löwen?

Vermutlich ist trotz der offenen Fragen und verwaisten Plotenden die Geschichte um 1Q84, die mit dem Betreten dieser Welt begann, mit dem Verlassen derselben abgeschlossen. Dabei wurde mir erst mit diesem dritten Band bewusst, dass sowohl Tengo als auch Aomane in geistiger Verbundenheit Namen für die Parallelwelt mit den zwei Monden vergeben haben, die gut ihre konsequente Charakterzeichnung zeigen: Aomane, eine rational denkende junge Frau, wählt ein Wort/Zahlenspiel (1Q84), um den subtilen Änderungen an der ihr bekannten Welt einen Namen zu geben, während der Schriftsteller Tengo eine Analogie in einem Buch gefunden hat (Die Stadt der Katzen).

Fazit: Einige aus meiner Sicht schlechte Entscheidungen in Sachen Buch- und Handlungsstruktur führen leider dazu, dass ich enttäuscht bin vom dritten 1Q84-Band. Klar hat das Buch noch immer viele fantastische und überraschende Elemente zu bieten, die es aus der Masse der Literatur herausheben, aber von Murakami darf man mehr erwarten als ein Buch voller Wiederholungen.

P.S.: Seit wann wird eine Rutsche eigentlich als Rutschbahn bezeichnet? Ich habe das Gefühl, dass sich gerade viele Bahnen in die deutsche Sprache einschleichen. Vor meiner Arbeitsstelle wird vor Gehbahnschäden gewarnt – nicht Gehweg oder Gehsteig, sondern Gehbahn. Was zum Teufel ist daran eine Bahn???

Mein Milestone 2 nascht Lebkuchen

Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Passend zur Adventszeit und ein Jahr nach meinem Kauf hat Motorola es geschafft, das Gingerbread-Update für das europäische Milestone 2 auszurollen. Und als wäre es noch nicht Grund genug zur Freude, endlich wieder ein halbwegs aktuelles Betriebssystem auf dem Stein zu haben, gibt es als Belohnung für das lange Warten auch noch ein Feature, dass ich vorher sehnlich vermisst hatte: Einen Telefonkalender, also einen Kalender, der weder mit GMail noch mit einem anderen Online-Account synchronisiert wird, sondern einzig und allein auf dem Handy existiert.

Eine weitere für mich wichtige Funktionalität, die Gingerbread mitbringt (allerdings auch alternative Launcher), ist die Gruppierung der Apps. Bei fast annähernd 100 Apps auf meinem Handy ist Ordnung einfach das A und O, und da war bisher mit den Hausmitteln des Betriebssystems nichts auszurichten. Seit dem Update kann ich nun beliebige Gruppen anlegen und meine Apps darauf verteilen – eine super Funktion!

Neben diesen objektiven Kriterien ist mein Milestone 2 seit dem erfreulich problemlosen Update auch gefühlt geschmeidiger bedienbar und hat etwas an Akkulaufzeit gewonnen. Ein kleines Manko gibt es aber, und das will ich nicht verschweigen: Irgendwie hat Motorola in ihrem mit Motoblur angepassten Gingerbread die Funktion vergessen, die Geburtsdaten der Kontakte zu erfassen bzw. zu ändern. Dank Ebobirthday ist dies für mich kein Problem, aber ich wollte es zumindest erwähnen.

Da sich mit dem Update auch kleinere Probleme wie die sich von alleine aktivierende Sprachsteuerung und der versagende Autofokus der Kamera erledigt haben, bin ich gerade super zufrieden mit meinem Milestone. Schade nur, dass die Hardwaretastatur – vor dem Kauf war diese ein KO-Kriterium – auch von dem Doppelte-Buchstaben-Problem betroffen ist. Sonst wäre ich gerade wunschlos glücklich.

The Thing (1982) vs. The Thing (2011)

Vor beinahe dreißig Jahren (1982) drehte John Carpenter mit Das Ding aus einer anderen Welt (The Thing) das Remake eines Horrorfilmklassikers, welches inzwischen selber zum Klassiker geworden ist. Dieses Jahr nun gab es unter gleichem Namen ein Prequel, was ich mit ein paar Kollegen zum Anlass genommen habe, mir die beiden Filme in einem The-Thing-Double-Feature anzusehen.

Die Handlung des 1982er Filmes ist schnell erzählt: Ein außerirdisches Monster, das vorher von Norwegern aus dem ewigen Eis befreit wurde, fällt in eine amerikanischen Forschungsstation in der Antarktis ein. Das Ding hat die Fähigkeit, andere Lebewesen nachzubilden, indem es sie verschlingt und auf Zellebene kopiert. Bald wissen die Wissenschaftler nicht mehr, wer von ihnen noch ein Mensch ist und wer bereits assimiliert wurde, doch sie wissen ganz genau, dass sie das Ding nicht entkommen lassen dürfen, da es eine Gefahr für die gesamte Menschheit darstellt.

Das titelgebende Monster, wenngleich für einige deftige Splatterszenen verantwortlich, steht dabei gar nicht im Vordergrund. Vielmehr wird durch das wachsende Misstrauen der Wissenschaftler untereinander und die menschenfeindliche Umgebung der durch einen Schneesturm von der Außenwelt abgeschirmten Forschungsstation eine bedrohliche Atmosphäre erzeugt, die schließlich in einem heißen Showdown mit offenem Ende kulminiert.

Neben dem Hauptdarsteller Kurt Russell (wie seine Forscherkollegen in Vollbart) ziert ein weiterer berühmter Name den Vorspann. Ennio Morricone wird als Komponist des Soundtracks genannt, doch angeblich war John Carpenter nicht zufrieden mit dessen Arbeit und hat selber ein paar Stücke für den Film geschrieben. So oder so, der Score ist mit seinen Synthiestakkatos ein Kind seiner Zeit und seines Genres, damit aber trotzdem präsenter als sein Gegenstück aus der 2011er Neuauflage.

Diese erzählt quasi die Vorgeschichte zu The Thing. Norwegische Antarktisforscher entdecken in hunderttausend Jahre altem Eis ein UFO und bald auch ein Alien, welches das Schiff verlassen hat und dabei gefrostet wurde. Zusammen mit eingeflogenen amerikanischen Forschern (es soll ja nicht nur norwegisch gesprochen werden) soll der Fund analysiert werden. Doch keiner auf der Station hat damit gerechnet, dass das geborgene Alien noch lebt, und bald müssen die Forscher feststellen, dass dieses Ding Menschen kopieren kann.

Eine Stunde lang ergeht sich das Prequel darin, in einer Art respektvoller Verbeugung vor Carpenters Original wichtige Handlungselemente daraus nachzuerzählen und Verknüpfungen zu legen. Dies reicht von der Axt in der Wand und dem Funker mit den aufgeschnittenen Pulsadern, die Kurt Russell 1982 bei der Durchsuchung der norwegischen Station fand, bis hin zu dem versagenden Flammenwerfer und den aus der Arrestzelle fliehenden Gefangenen. Andere Elemente werden leicht variiert (z.B. die legendäre Bluttestszene), wobei nicht alle Neuerungen funktionieren.

So waren die Charaktere des Original-Casts markanter als in der Neuauflage; allein Kurt Russell steckt die B-Movie-Darsteller um Mary Elizabeth Winstead und ihre platten Nebenfiguren lässig in die Tasche. Auch das Monster, 2011 zeitgemäß digital animiert, hat einiges an Wirkungskraft verloren. Warum entpackt sich das Ding so langsam hinter der Hauptdarstellerin – in der gleichen Zeit hätte es sie schon längst abgefertigen können. Und eine spätere Verfolgungsjagd wäre erfolgversprechender verlaufen, wenn das Alien erst die Metamorphose beendet hätte. Außerdem scheint es bei späteren Auftritten nicht mehr so schnell zu sein wie beim anfänglichen Ausbruch – da war das Original konsequenter und damit auch bedrohlicher.

Erst zum Ende hin löst sich das Prequel schließlich vom Vorbild und setzt eigene Akzente mit seinem Finale im Inneren des Raumschiffs. Viel interessanter fand ich jedoch die Unterschiede, die einen Rückschluss auf unsere Gesellschaft erlauben. So war die Forschungsstation der Amerikaner 1982 eine reine Männerdomäne, in der im Aufenthaltsraum fleißig geraucht und getrunken wurde. Einen Film ohne Frauen mutet man 2011 dem Zuschauer nicht mehr zu; und so wie das Rauchen langsam aber sicher aus der Öffentlichkeit verbannt wird so sieht man auch in The Thing (2011) nur noch eine einzige glimmende Zigarette.

Am Ende war diese Doublefeature gerade durch den Vergleich der beiden Filme eine interessante Erfahrung; die 2011er Version bleibt jedoch zu belanglos um weiterempfohlen zu werden. John Carpenters Original von 1982 spielt dagegen in Sachen Atmosphäre auch aufgrund der Bild- und Tongestaltung in einer anderen Liga und hat so seinen Platz in der Geschichte des Horrorfilms verdientermaßen sicher.

Perfect Sense

UK (2011)
Regie: David Mackenzie
Darsteller: Ewan McGregor (Michael), Eva Green (Susan), Connie Nielsen (Susans Schwester), Stephen Dillane (Samuel), Ewen Bremner (James) und andere Sinnlose

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Susan ist eine Epidemiologin (gibt es das Wort im Deutschen?) an einer Forschungsanstalt in Glasgow. Als ein Truckfahrer eingeliefert wird, der nach spontanen Gefühlsausbrüchen plötzlich nichts mehr riechen kann, glaubt sie zuerst, nicht zuständig zu sein. Doch dann mehren sich überall auf der Welt ähnliche Fälle, und schon bald gibt es keinen Menschen mit Geruchssinn mehr.

Besonders betroffen von diesem Verlust ist Michael, der als Koch in einem Gourmetrestaurant arbeitet und dem nun die Gäste fernbleiben. Als er Susan kennenlernt und sich die beiden ineinander verlieben, tritt das globale Problem erst einmal in den Hintergrund bzw intensiviert ihre Gefühle füreinander. Doch dann rollt die zweite Welle der Pandemie über den Erdball, die einen Verlust des Geschmackssinnes nach sich zieht. Und langsam wird allen klar, dass dies noch nicht das Ende ist…

Eine seltsame Mischung setzt Regisseur David Mackenzie mit Perfect Sense dem Zuschauer vor. Auf der einen Seite zeichnet der Film ein interessantes Weltuntergangsszenario, so dass er durchaus in das Programm des Fantasy Filmfest passte. Doch gleichzeitig nimmt die Liebesgeschichte zwischen Michael und Susan den überwiegenden Teil der Handlung ein. Sie wird stark beeinflusst von den seltsamen Sinnesverlusten, doch nur selten wird der Blick über den Tellerrand der persönlichen Probleme gewagt und gezeigt, wie der Rest der Welt auf die Pandemie reagiert. Der Fokus liegt nicht beim Aufhalten der Apokalypse, sondern auf dem Umgang damit aus der Perspektive der jungen Liebe.

Diese Verknüpfung der beiden Handlungselemente wird auch von der Erzählerstimme betont, welche die direkten Folgen auf den Menschen der in Etappen verloren gehenden Sinne beschreibt und am Ende zum Schluss kommt, dass die Liebe zwischen zwei Menschen dann am Stärksten ist, wenn sie nur auf direkten Berührungen basiert – dem Perfect Sense. Vermitteln kann der Film dies nicht mehr, da er für die Darstellung der Taub- und Blindheit die offensichtliche Umsetzung wählt und so am Ende das Medium seiner beiden an den Zuschauer vermittelten Sinne beraubt ist – bis dahin haben jedoch der emotionalisierende Soundtrack und die vielen Hochglanz-Liebesszenen den Sinnen genügend zu verarbeiten gegeben.

Besonders gefallen hat mir dabei die Dialogvisualisierung, die statt klassischem Schnitt-Gegenschnitt häufig beide Teilnehmer im selben Bild, aber in unterschiedlicher räumlicher Tiefe aufnahm und die Kamera selektiv den Sprechenden scharf stellt. Dies verlieh den Szenen gleichzeitig Ruhe und einen Fluss, der die Gefühle der beiden Hauptfiguren gut transportiert. Im Kontrast dazu stehen wild verwackelte Kamerafahrten vor Fahrrädern, die den Effekt wieder zunichte machen.

Stark ist der Film ebenfalls dann wenn er zeigt, wie die Menschen mit dem Fehlen der Sinne umgehen. Dies wird vor allem an dem Nobelrestaurant deutlich, in welchem Michael arbeitet. So wird nach dem Wegfall des Geruchssinnes zuerst der Geschmackssinn mittels stärkeren Einsatzes von Gewürzen stimuliert. Als dieser wegfällt, wird auf das Erfahren der Geräusche und des Fühlen des Essens in Mund und Speiseröhre gesetzt. Bis zum Schluss versuchen alle, das geregelte Leben irgendwie möglich aufrecht zu erhalten; eine überraschend optimistische Darstellung einer Epidemie.

Insgesamt wirkt der Film für meinen Geschmack aber zu glattgebügelt. War der Regisseur mit seinen vorherigen Werken Young Adam und Hallam Foe noch für die schonungslose, aber genaue Darstellung des Unterschichten-Milieus bekannt, so ist er nun in die langweilige Welt der Yuppies mit ihren sanierten Fabrikhallenwohnungen gewechselt, wo jeder Raum wie vom Designer gestylt, aber auch austauschbar aussieht. Als schöner Mensch in schönen Interieurs zu leben schützt zwar nicht vor dem Verlust der Sinne, verhindert aber etwas das Mitfühlen mit den Figuren.

Fazit: So richtig warmwerden kann ich mit Perfect Sense nicht. Auf der einen Seite hat er ein interessantes Szenario und einige optische Ideen zu bieten, um es darzustellen. Auf der anderen Seite sorgen die Liebesgeschichte in Hochglanz und einige deplatzierte Effekte dafür, dass der Film zwischen den Genres hängen bleibt, weil die einzelnen Teile nicht zusammen passen wollen.

Ellis Island

Wer ein Ticket für die Fähre zur Freiheitsstatue nach Liberty Island kauft, der hat auf dem Rückweg die Chance, auf Ellis Island Station zu machen. Die Insel im Hudson war von 1892 bis 1954 das zentrale Einwanderungszentrum der USA und ist seit 1990 ein Museum, in welchem diese spannende Phase der amerikanischen Geschichte dokumentiert wird. Insgesamt über 12 Millionen Einwanderer durchliefen hier verschiedene mit der Zeit verschärfte Kontrollen. Ein Drittel der heutigen Bevölkerung der Vereinigten Staaten geht auf Vorfahren zurück, für die das Durchlaufen der großen Halle des Hauptgebäudes von Ellis Island der erste Schritt in ein neues Leben wurde. Dieser Registrierraum ist deshalb neben der Freiheitsstatue zu dem Sinnbild für die Einwanderung geworden; allein die Referenzen bei den Simpsons sind unzählig ([1], [2], [3], …).

Nachdem das Hauptgebäude über dreißig Jahre lang dem Verfall preisgegeben war, wurde es bis 1990 aufwendig restauriert und mit Anbauten versehen, um Platz für ein Museum zu schaffen. Der erste Weg innerhalb des Museums führt meist direkt in den Registrierraum im ersten Geschoss, in welchem die Daten der Einwanderer aufgenommen wurden. Direkt dahinter wurden einige der Räume wiederhergestellt, in denen die Immigranten Tests auf Gesundheit, Vermögen bis hin zu Intelligenz absolvieren mussten – immer mit dem Damoklesschwert der Abweisung über ihnen hängend. Dass dennoch nur 2% aller Anwärter die Einwanderung versagt wurde liegt vermutlich daran, dass um in diese Halle zu kommen jeder Immigrant bereits eine Ozeanüberquerung finanziert und überstanden haben musste. Die Einwanderer waren also meist die qualifizierteren und vermögenderen Flüchtlinge bzw später die nachgeholten Familienmitglieder.

Anfangs wurden deshalb nur wenige Kontrollen durchgeführt, doch im Laufe der Zeit nahm die Bürokratie beängstigende Ausmaße an, die von den Informationstafeln im Museum durchaus kritisch eingeschätzt wird. Immer mehr Daten mussten die Beamten für jeden Einwanderer erheben, immer mehr Prüfungen wurden durchgeführt. Zusammen mit der bis 1907 stetig zunehmenden Anzahl an Immigranten führte dies zu einem kontinuierlichen Ausbau der Anlagen auf der Insel. In einem Ausstellungsraum ist mittels Modellen dieses Wachstum gut nachzuvollziehen – aus einer kleinen Armeestation wurde nach und nach eine richtige kleine Stadt mit einer vielfachen Landmasse.

Ein wichtiger Schwerpunkt des Museums ist die Vielfalt der einwandernden Menschen. Dazu gibt es Kinosäle, in denen Dokumentationen gezeigt werden, und Räume, die Fundstücke wie zeitgenössische Kleidung und weitere Kofferinhalte präsentieren. Besonders gut hat mir die Sammlung von Fotos der Immigranten und anderen Dokumenten gefallen, welche die Zeit die Haupteinreisewelle wieder aufleben lassen. Dabei wird deutlich, dass die USA schon damals mehr Salad Bowl als Melting Pot waren, da die Einwanderer sich meist den starken Gemeinschaften der eigenen Nationalität anschlossen, wovon New Yorker Viertel wie Kleindeutschland, Little Italy und Chinatown noch heute zeugen.

Sehr interessant fand ich die Hauptursache für den temporär starken Strom an Immigranten: Vor den 1890er Jahren gab es keine Dampfschiffe, die den Ozean befuhren. So dauerte eine Überfahrt von Europa per Segelschiff zwischen mehreren Wochen und vier Monaten, je nach vorherrschenden Windverhältnissen. Erst mit der Dampfschifffahrt und der damit möglichen fahrplanmäßigen Überquerung des Atlantiks in neun Tagen konnte ein Linienbetrieb aufgenommen werden, der es plötzlich einer breiteren Bevölkerungsgruppe in Europa ermöglichte, in die neue Welt zu reisen. Da zudem die Arbeitsbedingungen in der alten Welt aufgrund der Industralisierung nicht rosig waren, kam es zu der historischen Einwanderungswelle. Dieser technische Hintergrund wird über Schiffsmodelle, Originalfahrpläne und andere historische Dokumente in einer eigenen Ausstellung vermittelt.

Abseits des Hauptgebäudes gibt es noch viele für das Museum nicht erschlossene Teile der Insel. Direkt daneben stehen in einem kleinen Park zwei den Einwanderern gewidmete Statuen und die kreisrunde Wall of Honor, in welcher mehr als 700000 Namen von Einwanderen eingraviert sind. Typisch für Amerika ist die Auswahl der Namen: Die Nachkommen konnten sich die Erwähnung ihrer Ahnen erkaufen, indem sie mindestens 150$ der Statue of Liberty-Ellis Island Foundation spendeten, die das Museum und die Fährverbindung betreibt. So dankbar ich den Spendern dafür bin, dass sie dieses tolle Museum ermöglicht haben, so finde ich es doch bedenklich, dass nur an Immigranten erinnert wird, deren Nachkommen sich ihre Erwähnung leisten konnten.

Von dem Park aus hatte ich auch einen schönen Blick auf die Westseite von Manhattan, da Ellis Island direkt vor der Küste von Jersey City liegt. Leider war die knappe Stunde, die mir für die Besichtigung von Museum und Insel blieb, definitiv zu wenig. Aber bereits dieser kurze Aufenthalt hat mich stark beeindruckt und ich kann einen Besuch der Insel nur wärmstens weiterempfehlen.

Melancholia

Dänemark/Schweden (2011)
Regie: Lars von Trier
Darsteller: Kirsten Dunst (Justine), Charlotte Gainsbourg (Claire), Kiefer Sutherland (John), Charlotte Rampling (Gaby), John Hurt (Dexter), Alexander Skarsgård (Michael), Stellan Skarsgård (Jack), Udo Kier (Hochzeitsplaner)

Offizielle Homepage

Melancholia ist ein erdähnlicher Planet ohne eigene Sonne, der aus dem Sternzeichen des Skorpion kommend auf dem Weg durch unser Sonnensystem ist. Er wird die Erde in unmittelbarer Nähe passieren, doch es ist ungewiss, ob die Erde den Planeten nicht mit ihrer Schwerkraft einfängt und es zu einer Kollission kommt, dem sogenannten Tanz des Todes, dem Ende alles Lebens. Wer nach Lars von Triers letzten Film Antichrist noch Zweifel daran hatte, dass der Regisseur schwere psychische Probleme zu bewältigen hat, der sollte nach diesem Weltuntergangsszenario von Handlungsrahmen eines Besseren belehrt sein. Denn von Trier beschreibt durch seine Hauptfigur Justine das Leben als deprimierende Ausnahme im Universum, dem Melancholia ein verdientes Ende setzt.

Bemerken tut Justine dies zum ersten Mal ausgerechnet auf ihrer Hochzeitsfeier. Diese wird von ihrer Schwester Claire und dessen Mann John auf deren mondänen Landsitz am Meer inklusive Stallungen und Golfplatz ausgerichtet. Doch trotz der exquisiten Kulisse ist Justine bald nicht mehr zum Feiern zumute; Visionen des nahenden Weltuntergangs plagen sie während ihre Eltern die Hochzeit zur gegenseitigen Abrechnung nutzen (wunderbar gespielt von Charlotte Rampling & John Hurt) und kein offenes Ohr für die Tochter und ihre Probleme haben. Als auch noch der frischgebackene Ehemann unsensibel auf die Hochzeitsnacht drängt, schlägt die Verzweiflung der Ungehörten in Trotzreaktionen um und am folgenden Morgen ist nicht nur die Ehe aufgelöst, sondern auch Justine in eine tiefe Depression verfallen.

Claire nimmt die Schwester daraufhin zu sich. Während John in technisch rationaler Gläubigkeit das Naturereignis des passierenden Melancholia entgegensehnt und seiner Frau Optimismus vorspielt, lässt diese sich eher von Justines Anschauung anstecken, die wiederum mit fortschreitender Nähe des heranrasenden Planeten immer mehr aus ihrer Lethargie erwacht.

Diese familiäre Figurenkonstellation und der Umgang der einzelnen Charaktere mit dem drohenden Ende der Welt ist der Kern von Melancholia. Justine, Claire, John – jeder hat seine eigene Art des Umgangs mit dem absoluten Ende, jeder zeigt andere Reaktionen. Justine ist dabei die Extremste. Zuerst schüttelt sie all den Ballast der Gesellschaft – Ehemann, Familie, Job – in wenigen Handstreichen von sich, um nach der folgenden Depression ob der verbliebenen Leere das Ende wie einen Liebhaber zu empfangen, der sie von der Last der Existenz befreit. Von Trier verdeutlicht dies indem er Kirsten Dunst nackt am Ufer eines Bächleins liegend zeigt, nur illuminiert vom unwirklichen Licht von Melancholia. Bilder der Romantik auf Zelluloid gebannt.

Die von Charlotte Gainsbourg gewohnt souverän verkörperte Claire dagegen mit ihrem geordneten Leben – Haus, Mann, Kind – will anfangs nur zu gerne ihrem Ehemann und nicht Justine glauben, obwohl das Internet ihre Visionen bestätigt. Als schließlich die Zeichen nicht mehr geleugnet werden können, versucht sie trotzdem, die Fassade ihres Lebens bis zu dessen Ende aufrecht zu erhalten und sogar dem Tod aufzuzwingen. John fehlt dazu die Kraft, er zerbricht am Einsturz seines Weltbilds und zieht den Freitod einem Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit vor.

So sitzen zum unabwendbaren Ende schließlich Justine und Claire zusammen mit deren Sohn auf einer Wiese in einem aus Holzästen gebauten Zelt und über sie rollt die Feuerwelle des einschlagenden Melancholia. Dies ist das beeindruckendste Bild des Films, viel stärker als die artifiziell stilisierten, unwirklich wirkenden Bilder in Super-Slow-Motion der ersten Minuten, in denen von Trier wichtige Teile der Handlung vorwegnimmt. Denn bei diesen war ich dank der klassischen Musikuntermalung unangenehm an Tree of Life erinnert, dessen Bilder von der Entstehungsgeschichte des Universums ganz ähnlich der kosmischen Katastrophe des Einschlags von Melancholia in die Erde zunächst einmal nicht mehr als leere Projektionsflächen darstellen, da sie (noch) nicht in die Handlung eingebettet sind.

Als Kontrast zu dieser bombastischen Einführung steht die nervöse Handkamera, die den Rest des Films dominiert. Als letztes Überbleibsel aus Dogma-Zeiten hat sie mich weitgehend genervt, weil sie so wenig zu dem an Bilder der Romantik erinnernden Szenenbild passt. Von Trier schreckt auch nicht vor den kitschigsten Bildern zurück (zum Beispiel wenn die beiden Schwestern auf ihren Pferden durch den Morgennebel ausreiten), wenngleich einige davon wie die Ankunft des Brautpaares in einer weißen Limo angenehm ironisch dekonstruiert werden und der am Himmel thronende Melancholia alles mit einer Atmosphäre der Bedrohung überzieht.

Aber ebenso wie das Figurenensemble existiert die optische Brillianz des Film nur, um am Ende zerstört zu werden, und da ist von Trier leider nicht mehr so weit weg von den Katastrophenfilmen hollywoodscher Prägung, die ihre Existenzberechtigung ebenfalls ausschließlich aus der Zerstörung ziehen – Melancholia setzt seine Destruktion nur eben eine Ebene höher, auf der künstlerischen Seite, an.

Fazit: So deprimierend der Handlungsrahmen um den alles Leben auf der Erde auslöschenden Planeten Melancholia sich anhören mag, so wenig fühlt es sich schließlich beim Sehen an. Dies liegt zum Einen an dem zumindest in der ersten Hälfte, der Hochzeitsfeier, vorherrschenden ironischen Unterton und zum Anderen an den stark romantisierenden Bildern des Films. Diese genauso wie seine Figuren in einem Weltuntergangsszenario zu zerstören ist dann auch die Stärke des Films, wenngleich er ansonsten keine Relevanz aufweist – zu viel Stil und zu wenig Inhalt lautet am Ende die Bilanz.