Perfect Sense

UK (2011)
Regie: David Mackenzie
Darsteller: Ewan McGregor (Michael), Eva Green (Susan), Connie Nielsen (Susans Schwester), Stephen Dillane (Samuel), Ewen Bremner (James) und andere Sinnlose

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Susan ist eine Epidemiologin (gibt es das Wort im Deutschen?) an einer Forschungsanstalt in Glasgow. Als ein Truckfahrer eingeliefert wird, der nach spontanen Gefühlsausbrüchen plötzlich nichts mehr riechen kann, glaubt sie zuerst, nicht zuständig zu sein. Doch dann mehren sich überall auf der Welt ähnliche Fälle, und schon bald gibt es keinen Menschen mit Geruchssinn mehr.

Besonders betroffen von diesem Verlust ist Michael, der als Koch in einem Gourmetrestaurant arbeitet und dem nun die Gäste fernbleiben. Als er Susan kennenlernt und sich die beiden ineinander verlieben, tritt das globale Problem erst einmal in den Hintergrund bzw intensiviert ihre Gefühle füreinander. Doch dann rollt die zweite Welle der Pandemie über den Erdball, die einen Verlust des Geschmackssinnes nach sich zieht. Und langsam wird allen klar, dass dies noch nicht das Ende ist…

Eine seltsame Mischung setzt Regisseur David Mackenzie mit Perfect Sense dem Zuschauer vor. Auf der einen Seite zeichnet der Film ein interessantes Weltuntergangsszenario, so dass er durchaus in das Programm des Fantasy Filmfest passte. Doch gleichzeitig nimmt die Liebesgeschichte zwischen Michael und Susan den überwiegenden Teil der Handlung ein. Sie wird stark beeinflusst von den seltsamen Sinnesverlusten, doch nur selten wird der Blick über den Tellerrand der persönlichen Probleme gewagt und gezeigt, wie der Rest der Welt auf die Pandemie reagiert. Der Fokus liegt nicht beim Aufhalten der Apokalypse, sondern auf dem Umgang damit aus der Perspektive der jungen Liebe.

Diese Verknüpfung der beiden Handlungselemente wird auch von der Erzählerstimme betont, welche die direkten Folgen auf den Menschen der in Etappen verloren gehenden Sinne beschreibt und am Ende zum Schluss kommt, dass die Liebe zwischen zwei Menschen dann am Stärksten ist, wenn sie nur auf direkten Berührungen basiert – dem Perfect Sense. Vermitteln kann der Film dies nicht mehr, da er für die Darstellung der Taub- und Blindheit die offensichtliche Umsetzung wählt und so am Ende das Medium seiner beiden an den Zuschauer vermittelten Sinne beraubt ist – bis dahin haben jedoch der emotionalisierende Soundtrack und die vielen Hochglanz-Liebesszenen den Sinnen genügend zu verarbeiten gegeben.

Besonders gefallen hat mir dabei die Dialogvisualisierung, die statt klassischem Schnitt-Gegenschnitt häufig beide Teilnehmer im selben Bild, aber in unterschiedlicher räumlicher Tiefe aufnahm und die Kamera selektiv den Sprechenden scharf stellt. Dies verlieh den Szenen gleichzeitig Ruhe und einen Fluss, der die Gefühle der beiden Hauptfiguren gut transportiert. Im Kontrast dazu stehen wild verwackelte Kamerafahrten vor Fahrrädern, die den Effekt wieder zunichte machen.

Stark ist der Film ebenfalls dann wenn er zeigt, wie die Menschen mit dem Fehlen der Sinne umgehen. Dies wird vor allem an dem Nobelrestaurant deutlich, in welchem Michael arbeitet. So wird nach dem Wegfall des Geruchssinnes zuerst der Geschmackssinn mittels stärkeren Einsatzes von Gewürzen stimuliert. Als dieser wegfällt, wird auf das Erfahren der Geräusche und des Fühlen des Essens in Mund und Speiseröhre gesetzt. Bis zum Schluss versuchen alle, das geregelte Leben irgendwie möglich aufrecht zu erhalten; eine überraschend optimistische Darstellung einer Epidemie.

Insgesamt wirkt der Film für meinen Geschmack aber zu glattgebügelt. War der Regisseur mit seinen vorherigen Werken Young Adam und Hallam Foe noch für die schonungslose, aber genaue Darstellung des Unterschichten-Milieus bekannt, so ist er nun in die langweilige Welt der Yuppies mit ihren sanierten Fabrikhallenwohnungen gewechselt, wo jeder Raum wie vom Designer gestylt, aber auch austauschbar aussieht. Als schöner Mensch in schönen Interieurs zu leben schützt zwar nicht vor dem Verlust der Sinne, verhindert aber etwas das Mitfühlen mit den Figuren.

Fazit: So richtig warmwerden kann ich mit Perfect Sense nicht. Auf der einen Seite hat er ein interessantes Szenario und einige optische Ideen zu bieten, um es darzustellen. Auf der anderen Seite sorgen die Liebesgeschichte in Hochglanz und einige deplatzierte Effekte dafür, dass der Film zwischen den Genres hängen bleibt, weil die einzelnen Teile nicht zusammen passen wollen.

Ellis Island

Wer ein Ticket für die Fähre zur Freiheitsstatue nach Liberty Island kauft, der hat auf dem Rückweg die Chance, auf Ellis Island Station zu machen. Die Insel im Hudson war von 1892 bis 1954 das zentrale Einwanderungszentrum der USA und ist seit 1990 ein Museum, in welchem diese spannende Phase der amerikanischen Geschichte dokumentiert wird. Insgesamt über 12 Millionen Einwanderer durchliefen hier verschiedene mit der Zeit verschärfte Kontrollen. Ein Drittel der heutigen Bevölkerung der Vereinigten Staaten geht auf Vorfahren zurück, für die das Durchlaufen der großen Halle des Hauptgebäudes von Ellis Island der erste Schritt in ein neues Leben wurde. Dieser Registrierraum ist deshalb neben der Freiheitsstatue zu dem Sinnbild für die Einwanderung geworden; allein die Referenzen bei den Simpsons sind unzählig ([1], [2], [3], …).

Nachdem das Hauptgebäude über dreißig Jahre lang dem Verfall preisgegeben war, wurde es bis 1990 aufwendig restauriert und mit Anbauten versehen, um Platz für ein Museum zu schaffen. Der erste Weg innerhalb des Museums führt meist direkt in den Registrierraum im ersten Geschoss, in welchem die Daten der Einwanderer aufgenommen wurden. Direkt dahinter wurden einige der Räume wiederhergestellt, in denen die Immigranten Tests auf Gesundheit, Vermögen bis hin zu Intelligenz absolvieren mussten – immer mit dem Damoklesschwert der Abweisung über ihnen hängend. Dass dennoch nur 2% aller Anwärter die Einwanderung versagt wurde liegt vermutlich daran, dass um in diese Halle zu kommen jeder Immigrant bereits eine Ozeanüberquerung finanziert und überstanden haben musste. Die Einwanderer waren also meist die qualifizierteren und vermögenderen Flüchtlinge bzw später die nachgeholten Familienmitglieder.

Anfangs wurden deshalb nur wenige Kontrollen durchgeführt, doch im Laufe der Zeit nahm die Bürokratie beängstigende Ausmaße an, die von den Informationstafeln im Museum durchaus kritisch eingeschätzt wird. Immer mehr Daten mussten die Beamten für jeden Einwanderer erheben, immer mehr Prüfungen wurden durchgeführt. Zusammen mit der bis 1907 stetig zunehmenden Anzahl an Immigranten führte dies zu einem kontinuierlichen Ausbau der Anlagen auf der Insel. In einem Ausstellungsraum ist mittels Modellen dieses Wachstum gut nachzuvollziehen – aus einer kleinen Armeestation wurde nach und nach eine richtige kleine Stadt mit einer vielfachen Landmasse.

Ein wichtiger Schwerpunkt des Museums ist die Vielfalt der einwandernden Menschen. Dazu gibt es Kinosäle, in denen Dokumentationen gezeigt werden, und Räume, die Fundstücke wie zeitgenössische Kleidung und weitere Kofferinhalte präsentieren. Besonders gut hat mir die Sammlung von Fotos der Immigranten und anderen Dokumenten gefallen, welche die Zeit die Haupteinreisewelle wieder aufleben lassen. Dabei wird deutlich, dass die USA schon damals mehr Salad Bowl als Melting Pot waren, da die Einwanderer sich meist den starken Gemeinschaften der eigenen Nationalität anschlossen, wovon New Yorker Viertel wie Kleindeutschland, Little Italy und Chinatown noch heute zeugen.

Sehr interessant fand ich die Hauptursache für den temporär starken Strom an Immigranten: Vor den 1890er Jahren gab es keine Dampfschiffe, die den Ozean befuhren. So dauerte eine Überfahrt von Europa per Segelschiff zwischen mehreren Wochen und vier Monaten, je nach vorherrschenden Windverhältnissen. Erst mit der Dampfschifffahrt und der damit möglichen fahrplanmäßigen Überquerung des Atlantiks in neun Tagen konnte ein Linienbetrieb aufgenommen werden, der es plötzlich einer breiteren Bevölkerungsgruppe in Europa ermöglichte, in die neue Welt zu reisen. Da zudem die Arbeitsbedingungen in der alten Welt aufgrund der Industralisierung nicht rosig waren, kam es zu der historischen Einwanderungswelle. Dieser technische Hintergrund wird über Schiffsmodelle, Originalfahrpläne und andere historische Dokumente in einer eigenen Ausstellung vermittelt.

Abseits des Hauptgebäudes gibt es noch viele für das Museum nicht erschlossene Teile der Insel. In einem kleinen Park stehen jedoch zwei den Einwanderern gewidmete Statuen und die kreisrunde Wall of Honor, in der mehr als 700000 Namen von Einwanderen eingraviert sind. Typisch für Amerika ist die Auswahl der Namen: Die Nachkommen konnten sich die Erwähnung ihrer Ahnen erkaufen, indem sie mindestens 150$ der Statue of Liberty-Ellis Island Foundation spendeten, die das Museum und die Fährverbindung betreibt. So dankbar ich den Spendern dafür bin, dass sie dieses tolle Museum ermöglicht haben, so finde ich es doch bedenklich, dass nur an Immigranten erinnert wird, deren Nachkommen sich ihre Erwähnung leisten konnten.

Von dem Park aus hatte ich auch einen schönen Blick auf die Westseite von Manhattan, da Ellis Island direkt vor der Küste von Jersey City liegt. Leider hatte ich nur knapp eine Stunde Zeit für die Besichtigung von Museum und Insel, die definitiv zu wenig waren. Aber bereits diese kurze Zeit hat mich stark beeindruckt und ich kann einen Besuch der Insel nur wärmstens weiterempfehlen.

Melancholia

Dänemark/Schweden (2011)
Regie: Lars von Trier
Darsteller: Kirsten Dunst (Justine), Charlotte Gainsbourg (Claire), Kiefer Sutherland (John), Charlotte Rampling (Gaby), John Hurt (Dexter), Alexander Skarsgård (Michael), Stellan Skarsgård (Jack), Udo Kier (Hochzeitsplaner)

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Melancholia ist ein erdähnlicher Planet ohne eigene Sonne, der aus dem Sternzeichen des Skorpion kommend auf dem Weg durch unser Sonnensystem ist. Er wird die Erde in unmittelbarer Nähe passieren, doch es ist ungewiss, ob die Erde den Planeten nicht mit ihrer Schwerkraft einfängt und es zu einer Kollission kommt, dem sogenannten Tanz des Todes, dem Ende alles Lebens. Wer nach Lars von Triers letzten Film Antichrist noch Zweifel daran hatte, dass der Regisseur schwere psychische Probleme zu bewältigen hat, der sollte nach diesem Weltuntergangsszenario von Handlungsrahmen eines Besseren belehrt sein. Denn von Trier beschreibt durch seine Hauptfigur Justine das Leben als deprimierende Ausnahme im Universum, dem Melancholia ein verdientes Ende setzt.

Bemerken tut Justine dies zum ersten Mal ausgerechnet auf ihrer Hochzeitsfeier. Diese wird von ihrer Schwester Claire und dessen Mann John auf deren mondänen Landsitz am Meer inklusive Stallungen und Golfplatz ausgerichtet. Doch trotz der exquisiten Kulisse ist Justine bald nicht mehr zum Feiern zumute; Visionen des nahenden Weltuntergangs plagen sie während ihre Eltern die Hochzeit zur gegenseitigen Abrechnung nutzen (wunderbar gespielt von Charlotte Rampling & John Hurt) und kein offenes Ohr für die Tochter und ihre Probleme haben. Als auch noch der frischgebackene Ehemann unsensibel auf die Hochzeitsnacht drängt, schlägt die Verzweiflung der Ungehörten in Trotzreaktionen um und am folgenden Morgen ist nicht nur die Ehe aufgelöst, sondern auch Justine in eine tiefe Depression verfallen.

Claire nimmt die Schwester daraufhin zu sich. Während John in technisch rationaler Gläubigkeit das Naturereignis des passierenden Melancholia entgegensehnt und seiner Frau Optimismus vorspielt, lässt diese sich eher von Justines Anschauung anstecken, die wiederum mit fortschreitender Nähe des heranrasenden Planeten immer mehr aus ihrer Lethargie erwacht.

Diese familiäre Figurenkonstellation und der Umgang der einzelnen Charaktere mit dem drohenden Ende der Welt ist der Kern von Melancholia. Justine, Claire, John – jeder hat seine eigene Art des Umgangs mit dem absoluten Ende, jeder zeigt andere Reaktionen. Justine ist dabei die Extremste. Zuerst schüttelt sie all den Ballast der Gesellschaft – Ehemann, Familie, Job – in wenigen Handstreichen von sich, um nach der folgenden Depression ob der verbliebenen Leere das Ende wie einen Liebhaber zu empfangen, der sie von der Last der Existenz befreit. Von Trier verdeutlicht dies indem er Kirsten Dunst nackt am Ufer eines Bächleins liegend zeigt, nur illuminiert vom unwirklichen Licht von Melancholia. Bilder der Romantik auf Zelluloid gebannt.

Die von Charlotte Gainsbourg gewohnt souverän verkörperte Claire dagegen mit ihrem geordneten Leben – Haus, Mann, Kind – will anfangs nur zu gerne ihrem Ehemann und nicht Justine glauben, obwohl das Internet ihre Visionen bestätigt. Als schließlich die Zeichen nicht mehr geleugnet werden können, versucht sie trotzdem, die Fassade ihres Lebens bis zu dessen Ende aufrecht zu erhalten und sogar dem Tod aufzuzwingen. John fehlt dazu die Kraft, er zerbricht am Einsturz seines Weltbilds und zieht den Freitod einem Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit vor.

So sitzen zum unabwendbaren Ende schließlich Justine und Claire zusammen mit deren Sohn auf einer Wiese in einem aus Holzästen gebauten Zelt und über sie rollt die Feuerwelle des einschlagenden Melancholia. Dies ist das beeindruckendste Bild des Films, viel stärker als die artifiziell stilisierten, unwirklich wirkenden Bilder in Super-Slow-Motion der ersten Minuten, in denen von Trier wichtige Teile der Handlung vorwegnimmt. Denn bei diesen war ich dank der klassischen Musikuntermalung unangenehm an Tree of Life erinnert, dessen Bilder von der Entstehungsgeschichte des Universums ganz ähnlich der kosmischen Katastrophe des Einschlags von Melancholia in die Erde zunächst einmal nicht mehr als leere Projektionsflächen darstellen, da sie (noch) nicht in die Handlung eingebettet sind.

Als Kontrast zu dieser bombastischen Einführung steht die nervöse Handkamera, die den Rest des Films dominiert. Als letztes Überbleibsel aus Dogma-Zeiten hat sie mich weitgehend genervt, weil sie so wenig zu dem an Bilder der Romantik erinnernden Szenenbild passt. Von Trier schreckt auch nicht vor den kitschigsten Bildern zurück (zum Beispiel wenn die beiden Schwestern auf ihren Pferden durch den Morgennebel ausreiten), wenngleich einige davon wie die Ankunft des Brautpaares in einer weißen Limo angenehm ironisch dekonstruiert werden und der am Himmel thronende Melancholia alles mit einer Atmosphäre der Bedrohung überzieht.

Aber ebenso wie das Figurenensemble existiert die optische Brillianz des Film nur, um am Ende zerstört zu werden, und da ist von Trier leider nicht mehr so weit weg von den Katastrophenfilmen hollywoodscher Prägung, die ihre Existenzberechtigung ebenfalls ausschließlich aus der Zerstörung ziehen – Melancholia setzt seine Destruktion nur eben eine Ebene höher, auf der künstlerischen Seite, an.

Fazit: So deprimierend der Handlungsrahmen um den alles Leben auf der Erde auslöschenden Planeten Melancholia sich anhören mag, so wenig fühlt es sich schließlich beim Sehen an. Dies liegt zum Einen an dem zumindest in der ersten Hälfte, der Hochzeitsfeier, vorherrschenden ironischen Unterton und zum Anderen an den stark romantisierenden Bildern des Films. Diese genauso wie seine Figuren in einem Weltuntergangsszenario zu zerstören ist dann auch die Stärke des Films, wenngleich er ansonsten keine Relevanz aufweist – zu viel Stil und zu wenig Inhalt lautet am Ende die Bilanz.

Eine Stadt. Ein Buch.

… heißt eine seit 2002 in Wien veranstaltete Aktion, bei der 100000 Exemplare eines Buches gratis in der Stadt verteilt werden, um die Menschen zum Lesen anzuregen. Autoren wie John Irving oder Nick Hornby haben sich bereits an dieser Aktion beteiligt, zum Jubiläum ist es nun Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, der sein Buch Der Geschichtenerzähler zur Verfügung stellt. Und dies erstmals auch in Berlin. Eine eigene 100000er Auflage wird ab morgen an verschiedenen Stellen in der Stadt verteilt. Mich muss man zwar nicht zum Lesen anregen, aber zu einem geschenkten Einstieg in die Werke des Autoren sage ich nicht nein und werde deshalb versuchen, ein Exemplar zu ergattern und meinen Horizont damit zu erweitern.

Update: Ich war erfolgreich:

Eine Stadt. Ein Buch.

Naokos Lächeln

Japan (2010)
Regie: Trần Anh Hùng
Darsteller: Ken’ichi Matsuyama (Toru Watanabe), Rinko Kikuchi (Naoko), Kiko Mizuhara (Midori), Reika Kirishima (Reiko Ishida), Tetsuji Tamayama (Nagasawa), Eriko Hatsune (Hatsumi)

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Und schon wieder Haruki Murakami: Nachdem ich Anfang des Jahres erst meinen ersten Roman von ihm gelesen habe und begeistert war, wurden mir plötzlich von allen Seiten weitere seiner Werke empfohlen. Eines davon, Kafka am Strand, habe ich auf Grund dieser Empfehlung einer Freundin geschenkt und bekam von ihr sogleich Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt ausgeliehen. Da konnte ich die Verfilmung seines wohl populärsten Werkes, Norwegian Wood, natürlich nicht auslassen – und wurde überrascht, da Murakami darin vollkommen auf surreale oder fantastische Elemente verzichtet.

Sein Held, Toru Watanabe, ist ein Student in Tokio, der Ende der 60er Jahre auf der Uni Naoko wieder trifft. Naoko war seit Kindheitstagen die Freundin von Kizuki, Torus bestem Freund. Bis dieser sich mit 17 das Leben nahm und eine große Leere sowohl in Naoko als auch Toru hinterließ. Das gemeinsame Trauma lässt die beiden näher zusammenrücken, während um sie herum die Studentenunruhen nicht mehr als ein Hintergrundrauschen bleiben. Nach einer gemeinsamen Nacht ist Naoko jedoch plötzlich verschwunden, und erst ein paar Wochen später erhält Toru einen Brief von ihr und erfährt so, dass sie in einem Sanatorium in den Bergen versucht, mit der Vergangenheit klar zu kommen.

Toru wird es gestattet, sie dort zu besuchen, und lernt auf diese Weise Naokos Zimmergenossin Reiko kennen, die für die beiden Norwegian Wood auf der Gitarre spielt. Doch zwischen den seltenen Besuchen hat Toru inzwischen Midori getroffen, eine notorische Lügnerin, die ebenfalls eine Menge Probleme mit sich herum schleppt. Da sich Toru nicht entscheiden kann und vor allem Naoko in ihrer schwierigen Phase nicht allein lassen will, entwickelt sich eine komplizierte Dreiecksbeziehung, die kein gutes Ende nehmen kann…

Toru ist ein wahrhaft klassischer Murakami-Charakter. Ein aufwachsender Mann, dem die Welt Probleme aufbürdet, denen er sich nicht gewachsen sieht, die er aber auch nicht angeht sondern sie passiv über sich ergehen lässt. Die beiden Frauen mit ihrer intensiven Wirkung auf ihn verhindern eine normale Beziehung, wenngleich Toru zusammen mit seinem Kommilitonen Nagasawa auch unkomplizierten One-Night-Stands gefrönt hat, ohne Gefühle wie für Naoko entwickelt zu haben. Der Film legt seinen Fokus klar auf Toru, die Motivationen der Frauen bleiben aufgrund ihrer kurzen Auftritte weitgehend unverständlich. Von Naoko, immerhin in Deutschland titelgebend, sieht der Zuschauer nur eine mit jeder Szene zunehmende Schwermut; die Steigerungen ihrer depressiven Art werden allein durch die Briefe an Toru vermittelt. So fiel es mir schwer, diese Veränderungen bis zu ihrem bitteren Ende zu akzeptieren.

Dafür findet der Regisseur unglaublich schöne Bilder, um die Melancholie dieser Schwermut auf Zelluloid zu bannen. Lange Kamerafahrten begleiten Toru auf seinen Wegen durch das Studentenwohnheim zwischen öffentlichem Telefon und Zimmer, und eine beindruckende Einstellung ohne jeglichen Schnitt zeigt ihn in einer Diskussion mit Naoko an einem regnerischen Morgen in einer Wiese vor dem Sanatorium, wobei die beiden immer wieder auf einem Pfad hin und her laufen. Farblich gut aufeinander abgestimmt und vom Soundtrack kongenial unterstützt fließt der Film so vor einem hin, als könnten die Probleme, an denen die Figuren (fast) zerbrechen, sich in ihrer Darstellung verlieren – doch das tun sie nicht.

Fazit: Dieser Film lebt und atmet eine Atmosphäre der Melancholie. Wie er die Geschichte von Toru und seiner unglücklichen Liebe zu Naoko erzählt, ist unglaublich schön anzusehen und anzuhören. Hinter den elegischen Bildern fällt die Handlung trotz 133 Minuten Laufzeit leider etwas reduziert aus, so dass das Verhalten einiger Charaktere unverständlich bleibt – für dessen Verständnis sollte ich wohl besser das Buch lesen.

Geheime Botschaften

Die Kunst der Verschlüsselung von der Antike bis in die Zeiten des Internet

von Simon Singh,
erschienen im Deutschen Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-33071-8, 12,90€

Die Kryptografie als Kunst der Ver- und Entschlüsselung hat eine lange Tradition. Schon in der Bibel wurden einzelne Wörter durch eine einfache Geheimschrift codiert. Doch erst mit dem Ende des Mittelalters und der zunehmenden Bedeutung von Spionage und Geheimdiensten erlebte die Kryptografie ihren großen Aufschwung. In den Weltkriegen hatte sie schließlich ihre Bedeutung so weit gesteigert, dass sie Einfluss auf deren Ausgang hatte und mit dem zunehmenden Grad der Automatisierung ist sie inzwischen ein wichtiger Teil unser aller Leben geworden.

Diese Geschichte bringt Simon Singh dem Leser in einer angenehm zu lesenden Mischung aus praktischen Beispielen und historischen Anekdoten näher. Er beschreibt die Entwicklung der Kryptografie dabei als fortlaufenden Wettstreit zwischen Chiffrierern und Codeknackern und nennt für jeden Evolutionsschritt auf beiden Seiten die verantwortlichen Personen. Darunter sind so illustre Persönlichkeiten wie Maria Stuart und Alan Turing, aber auch viele Köpfe, die einen weniger großen Bekanntheitsgrad haben. Und dies hat seinen Grund, wie Simon Singh gleich im Vorwort erläutert: Nur selten durften die Menschen hinter den Fortschritten in der Kryptografie darüber frei reden. Zu wichtig waren ihre Forschungsergebnisse, als dass sie dem jeweiligen Feind in die Hände fallen durften, so dass viele Kryptologen Zeit ihres Lebens nicht die Anerkennung erhielten, die ihnen eigentlich zustand.

Zumindest für die heute bekannten Verfahren holt Simon Singh dies mit seinem Buch nun nach, erläutert jede neue Erkenntnis mit der notwendigen Tiefe und schiebt ablenkende Details in den Anhang. Gerade wenn es um die Errungenschaften der modernen Verschlüsselung im Internet geht, findet er gute Bilder, um die komplexe Materie dem Leser näher zu bringen. An dieser Stelle muss ich auch die Übersetzung loben, die trotz der Schwierigkeit, dass das Knacken von Verschlüsselungen viel mit dem Wissen über die verwendete Sprache zusammenhängt, die Beispiele da, wo es notwendig ist, in der Originalform belässt und ansonsten sehr gute Übertragungen ins Deutsche gefunden hat.

So sind die unterhaltsamen 420 Seiten schneller vorbei gewesen, als mir lieb war. Ich hätte mir an der einen oder anderen Stelle noch etwas mehr Details gewünscht, wie zum Beispiel dass im zweiten Weltkrieg auch Desinformation ein probates Mittel im Informationskrieg war. Gerade bei der Erwähnung von Ian Fleming hätte dieser Aspekt ein wenig mehr Beachtung verdient – schließlich ist das Streuen falscher Informationen ein Weg der Verschlüsselung der korrekten Nachricht. Doch im Endeffekt ist die Geschichte der Kryptografie – so weit heute bekannt – eine sehr kurze und gleichzeitig überraschende, die dank Simon Singhs großartiger Recherche nun allen interessierten Lesern offensteht. Ich kann dieses Buch deshalb nur empfehlen!

Philadelphia

Philadelphia ist eine Stadt mit vielen verschiedenen Seiten. Wie wenige andere amerikanische Städte ist sie eine interessante Kombination aus Geschichte und Moderne, eine Stadt am Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Dadurch hat sie einen schlechten Ruf als sozialer Brennpunkt, ist jedoch gleichzeitig ein Zentrum der Kunst und Kultur und aufgrund vieler Studenten und einer entsprechend bunten Kneipenszene gefühlt eine sehr junge, lebendige Stadt. Dies ist vermutlich auch der Grund, warum es ein so gut ausgebautes Netz an Fahrradwegen gibt, das von den Bewohnern gut angenommen wird.

Philadelphia, griechisch für brüderliche Liebe, wurde 1681 von dem Quäker William Penn gegründet. Dieser erhielt das Gebiet des heutigen Pennsylvania (benannt nach William Penns Vater) als Ausgleich für eine Geldschuld vom englischen König und machte die Kolonie zu einer Zufluchtsstätte für religiöse Minderheiten (dazu später mehr in Plymouth), das sogenannte Heilige Experiment. Die dadurch verstärke Zuwanderung machte Philadelphia schnell zur größten Stadt Nordamerikas und sie war von 1790–1800 sogar Hauptstadt der neugegründeten USA. Zudem wurde hier die Unabhängigkeitserklärung verkündet (dazu später mehr in Boston) und die Verfassung der Vereinigten Staaten beschlossen.

Diese Geschichte prägt die Stadt bis heute. Fast alle Sehenswürdigkeiten tragen ein Independence oder Liberty im Namen. Als Startpunkt für die gut zu Fuß zu erkundende Innenstadt sollte das Independence Visitor Center aufgesucht werden. Dort gibt es (kostenlose) Eintrittskarten für eine Führung durch die Independence Hall (früher Pennsylvania State House), in der 1776 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet und 1787 die Verfassung beschlossen wurde. Desweiteren kann (ebenfalls kostenlos) das Liberty Bell Center besucht werden, in welchem die Glocke ausgestellt wird, die während der Erklärung der Unabhängigkeit geläutet haben soll. Zuerst nur für die Religionsfreiheit von Pennsylvania stehend entwickelte sich die Glocke im 19. Jahrhundert zu einem Symbol für die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Sie ging deshalb viel auf Reisen und Ausstellungen im ganzen Land und wird inzwischen – sichtbar beschädigt – wieder in Philadelphia ausgestellt.

Ein ebenso wichtiges Symbol für die Amerikaner, die nationale Flagge, entstand ebenfalls in Philadelphia. Betsy Ross, eine Tochter der Stadt, soll die erste Version der Stars and Stripes genäht oder zumindest entworfen und hergestellt haben. Ihr Haus, gleichzeitig Lebens- wie Arbeitsmittelpunkt, kann zusammen mit ihrem Grab direkt daneben besichtigt werden. Ein weiterer berühmter Kopf der Stadt, dessen Name fast überall in der Stadt zu finden ist, war Benjamin Franklin. Das Grab des Universalgelehrten und wichtigen Akteurs der Unabhängigkeitsbewegung ist auf dem Christ Church Friedhof zu besichtigen.

Ein weiteres interessantes Zeugnis von Philadelphias Geschichte ist Elfreth’s Alley, die am längsten durchgängig bewohnte Straße Nordamerikas. Für europäische Verhältnisse sind 300 Jahre natürlich nicht viel, aber in den USA finden sich nur wenige so alte Gebäude. Dies liegt aber weniger an einem fehlenden Geschichtsbewusstsein der Amerikaner, sondern vielmehr an deren Hausbautradition. Holzhäuser sind einfach keine gute Basis für eine langlebige Bebauung, auch wenn der von Franklin erfundene Blitzableiter sicherlich eine Menge Brände verhindert hat. So ist es keine Überraschung, dass nur aus Stein erbaute Häuser aus der Anfangszeit der Vereinigten Staaten erhalten sind.

Wie zum Beispiel das Rathaus von Philadelphia, das “höchste gemauerte Gebäude der Welt”, das ich leider nicht besteigen konnte. Es steht genau im Mittelpunkt des wie in so vielen amerikanischen Städten im Schachbrettmuster angelegten Straßensystems. Östlich davon bis zum Delaware River liegt der Old City genannte Stadtteil mit den historischen Sehenswürdigkeiten, im Westen bis zum Schuylkill River folgen die moderneren Stadtteile, deren Wolkenkratzer die Skyline der Stadt prägen. Hier finden sich auch Museen wie das Rodin Museum und das berühmte Philadelphia Museum of Art, dessen Treppe sicherlich der Eine oder Andere aus den Rocky-Filmen kennt. Und die Love Statue, von der eine Kopie auf dem Kennedy Plaza steht, ist ebenfalls weltberühmt.

Wir hatten unser Hotel zentral in der Walnut Street, deren nähere Umgebung von Krankenhäusern und dem Universitätklinikum geprägt ist, so dass Tag und Nacht etwas auf den Straßen und in den Kneipen los war. Von hier aus konnten wir bequem die Innenstadt erlaufen, hatten es nicht weit bis zum Reading Terminal Market (einer riesigen Markthalle die früher ein Bahnhof war) mit Bassets Eisdiele und bis Chinatown (“dem viertgrößten in Amerika”). Wir waren in der South Street mit ihren Kneipen und Restaurants essen (das “berühmte” Philadelphia Cheesesteak ist einfach nur ein Sandwich) und sind durch die Backsteinviertel südlich der City Hall geschlendert, die mit ihrer niedrigen Bebauung, viel Grün und teilweise engen Straßen mehr den Eindruck einer Vorstadt als des Zentrums einer der größten Metropolen der USA machten.

Weiter nördlich um das Messezentrum herum zeigt die Stadt schon eher ihren im Umbruch befindlichen Charakter. Hier stehen neue Hochhäuser neben großen Baulücken (die Platz für die vielen Wandmalereien lassen), alten Bürogebäuden und Industrieruinen. Hier liegen auch noch die Gleise der inzwischen eingestellten Straßenbahn in den Straßen und führt der Highway wie in den USA üblich mitten durch die Stadt. Ingesamt hat Philadelphia aber einen bunten Eindruck auf mich gemacht und im Zentrum hatte ich nicht das Gefühl, dass um mich herum fast sechs Millionen Einwohner leben. Und deshalb wird mir mein Besuch positiv in Erinnerung bleiben.

Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten

Über Fremde Gezeiten kann man interessanterweise viel reden, ohne den Film direkt zu besprechen. So basiert er auf einem Roman von Tim Powers aus dem Jahr 1987, der die wichtigsten Handlungselemente vorgibt: Die Quelle der Jugend als Ziel, Blackbeard als Gegenspieler und die allgegenwärtige Voodoo-Magie. Damit passt er natürlich wie die Faust aufs Auge zu der Fluch-der-Karibik-Serie, für dessen vierten Teil Disney die Filmrechte von Powers erwarb. Da dieser Roman auch Einfluss auf die Monkey-Island-Serie hatte, wird der Kreis der gegenseitigen Beeinflussung langsam unübersichtlich.

Desweiteren wurde der Film komplett digital in 3D mit neuen Kameras der Firma RED gedreht, was zu einigen guten wie schlechten Bildern geführt hat (in der 2D-Fassung, die 3D-Version kann ich nicht beurteilen). So fehlt es manchen dunklen Szenen an Details und Tiefenwirkung, so dass sie flau wirken – dafür überzeugen die Naturaufnahmen mit wunderbar kräftigen Farben. Die digitalen Kameras sind also noch nicht ganz in den Regionen des klassischen 35mm-Films angekommen, aber wenn 3D verkauft werden soll, dann wird schnell auf den billigeren Digitalworkflow zurückgegriffen und eine inkonsequente Farbgestaltung in Kauf genommen.

Wobei ich schon beim Gesamteindruck des Films bin. Denn neben dem 3D-Aufschlag ist auch der Überlängenaufschlag mit unnötigen 136min einkalkuliert und zeugt davon, dass hier alles für den Erfolg an den Kinokassen getan wurde. Also sollte niemand Überraschungen erwarten; das Erfolgsrezept der Vorgängerfilme wird gnadenlos kopiert (die drei langweiligen Fechtszenen wirken allesamt so, als wären sie aus dem ersten Teil kopiert) und für Disney familientauglich glattgebügelt. Wenn Menschen sterben, dann passiert dies meist unblutig außerhalb des Bildes, und trotz gefühlt hundert unbekleideter Meerjungfrauen im gesamten Film ist nie auch nur eine Brust zu sehen.

Dazwischen stolpert Johnny Depp in seiner Paraderolle als Captain Jack Sparrow durch die Handlung und muss diese fast alleine tragen – zu viel für die inzwischen ausgereizte Figur, und zu wenig für den Film. Die als Ersatz für das Duo Knightley/Bloom gedachten Penélope Cruz als Tochter von Blackbeard und Missionar Philip schaffen es nicht, die Lücken auffüllen. Gerade Letzterer, ein eindimensionaler Charakter ohne jeglichen Hintergrund und ohne Ecken und Kanten, wirkt mit der unmotivierten Einführung (wofür braucht Blackbeard ihn?) wie ein Fremdkörper und seine christliche Gutmenschenart hat mich ein ums andere Mal dazu bewegt, über das Abschalten nachzudenken.

Und trotz alledem – das Ergebnis dieser nur zu einem Zweck zusammengerührten Blockbusterzutaten ist weitgehend unterhaltsam und erfüllt somit zumindest die Erwartungen. Einen weiteren Teil der Serie sollte uns Disney aber besser ersparen – wenngleich das gute Einspielergebnis dank der o.g. Aufschläge trotz zurückgehender Zuschauerzahlen für eine Fortführung des Franchise spricht.

Portsmouth, New Hampshire

Eigentlich ist Neuengland gar nicht so anders als andere Gegenden an der Ostküste. Und trotzdem erweckte Portsmouth bei mir den Eindruck, dass hier die Welt noch in Ordnung ist. Es fängt damit an, dass die Kirche noch immer das höchste Gebäude der Stadt ist und alles sehr gepflegt aussieht. Die Holzbauweise ist zwar dieselbe wie bei den Eigenheimen in den Suburbs der Großstädte, aber es sind Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen und ein ganz anderes Bild ergeben. So hängt nicht an jeder Ecke die amerikanische Flagge vor der Tür und die Häuser sind in warmen Farben gestrichen, die wunderbar mit dem Laub harmonieren, wenn der Indian Summer über Neuengland hereinbricht. Für dieses Naturschauspiel war ich leider einen Monat zu früh vor Ort, aber auch ohne die herbstliche Farben ist es ein wunderbarer Anblick, wenn man von der Insel New Castle kommend auf Portsmouth zufährt.

Das ist das Land von John Irving, wie es der Autor in fast allen seiner Bücher beschreibt. Er selber wohnt ja direkt um die Ecke in Exeter und ich fühlte mich als aufmerksamer Leser seiner Bücher schnell heimisch in Portsmouth. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, weshalb die Gegend so ein Paradies ist. Hier wohnen nur die finanziell potenten Bürger, und diese bürgerlich-konservative Elite weiß zu leben und sich abzuschotten. Dass dies schon immer so war, zeigt die Dichte an Häusern von Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung. Erkauft wurde diese Exklusivität von den Gründervätern, die im Namen Gottes die indigenen Ureinwohner vernichteten und vertrieben.

Dies kann bei einem Besuch der Strawberry Banke wunderbar ignoriert werden. Dieses Freiluftmuseum mitten in Portsmouth bietet einen Einblick in die erste Besiedlung der Gegend inklusive restaurierten Häusern aus verschiedenen Generationen und der Neukonstruktion eines Schiffes, dessen Typ in der seen- und flussreichen Gegend über Jahrhunderte hinweg üblich war.

Gleich nebenan prägt mit der World War Memorial Bridge ein Industriedenkmal das Bild von Portsmouth. 88 Jahre lang war sie eine wichtige Verkehrsverbindung über den Piscataqua River, nun können nur noch Fahrradfahrer und Fußgänger die Hebebrücke nutzen. Wer über sie die Stadt betritt, wird nicht nur an die lange Historie von Portsmouth erinnert (die Gründung der Stadt erfolgte bereits im Jahr 1623), sondern kann direkt an Bow und Market Street in eines der Restaurants einkehren, die hier mit Terrassen zum Fluss hin frischen Lobster anbieten. Aber Vorsicht: Wer eine Lobster Roll bestellt sollte wissen, dass dies nur ein Sandwich mit kaltem Lobsterfleisch ist – typisch amerikanische Küche eben.

Shadowmarch – Das Herz

von Tad Williams,
erschienen bei Klett-Cotta, ISBN 978-3-608-93720-6, 26,95€

Nun ist es endlich geschafft: Mit Das Herz ist der letzte Teil von Tad Williams Shadowmarch-Saga in Deutschland erschienen, und natürlich habe ich mich sofort darauf gestürzt, um das lange erwartete Finale und die letzten noch im Dunkeln verbliebenen Geheimnisse um die Südmarksburg zu ergründen.

Nach einer kurzen Zusammenfassung der vorherigen Bücher nimmt sich Das Herz etwas Zeit, um den großen Schlagabtausch vorzubereiten. Die Fundlinge müssen sich nach dem unter Führung von Hauptmann Vansen ausgehandelten Waffenstillstand mit den Qars auf die nächsten Eindringlinge vorbereiten, denn der Autarch hält sich nicht lange mit der Belagerung der Oberburg auf sondern will direkt in die unterirdische Höhle vordringen, wo der sterbende Halbgott Krummling kurz davor ist, das Tor zu den schlafenden Göttern wieder frei zu geben. Die direkt von Krummling abstammenden Qar wissen dagegen anfangs nicht, ob sie sich diesem Kampf anschließen sollen, bis plötzlich Barrick Eddon, der die Feuerblume des Qar-Königs übernommen hat, zusammen mit der Qar-Königin auf den Wegen der Götter eintrifft. Seine Schwester stürmt inzwischen mit einer Armee Syanesen und deren Kronprinzen heran, während ihr Vater und Quinnitan als Gefangene im Schlepptau des Autarchen wie fast alle Charaktere einer ungewissen Zukunft entgegen sehen…

Die Hauptaufgabe von Das Herz ist, das war vorher klar, die unglaublich vielen parallelen Handlungsstränge endlich zusammen zu führen, nachdem ein Großteil der Verständnisfragen bereits im dritten Teil geklärt wurden. Wie viele Figuren Tad Williams bis dahin erschaffen hat, merkt der Leser erst, als ein erstaunlich großer Teil davon im Finale ein böses Ende nimmt. Alle anderen, denen der Leser im Laufe der Bücher in den Kopf schauen durfte, bekommen zumindest einen Abschiedsauftritt, womit am Ende tatsächlich alle Fäden entwirrt scheinen, die Tad Williams so kunstvoll verknotet hat.

Es scheint mir jedoch, dass dieses letzte Buch einen eigenen, vorher nicht eingeplanten, Spannungsbogen spendiert bekam. Einige der anfänglichen Wendungen und Konflikte wirken aufgesetzt und unnötig – allein wie viele Parteien zeitweise durch die Höhlen unterhalb der Südmarksburg ziehen und sich (nicht) begegnen übersteigt jedwede Vorstellung. So wird die zwischenzeitliche Stärke der geografisch verteilten Handlung zum großen Nachteil des Buches, da gefühlt alle Charaktere auf dem selben Fleck Erde herumwandeln und sich – vollkommen unerklärlich – nicht treffen und die Kräfte bündeln. Als Folge springt die Handlung auf fast jeder Seite und verwirrt mit ihrer nicht immer gegebenen Chronologie. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen; bei Harry Potter haben die Bücher nie unter dem hohen Detailgrad und der Figurendichte gelitten wie bei Das Herz.

Ganz krass ist dabei die Auflösung der Nebenhandlung um den reichen Obdachlosen, der durch die Schattenmark des dritten Bandes stolperte. Nachdem er im letzten Teil eingeführt wurde und Tad Williams mit einem weiteren Handlungsstrang den Verdacht auf Shaso (in die Irre) lenkt, darf er am Ende ganz kurz in einen Kampf eingreifen und eine latente Liebesgeschichte beenden und hat seine Bestimmung damit erfüllt. Für meinen Geschmack ist dabei eindeutig zu viel Zufall im Spiel und die lange Vorgeschichte erscheint aufgrund des Kurzauftritts als verschwendet. So viel Mühe für so wenig Wirkung – fast würde ich Tad Williams einen ironischen Humor unterstellen. Doch da der Rest des Buches humorfrei erzählt wird, ist dies wohl eher eine Schwäche in der Planung der Handlung, die ihm am Ende über den Kopf gewachsen zu sein scheint.

Schade auch, dass aufgrund des kriegerischen Szenarios des Bandes immer wieder Ehre und Mut unangenehm in den Vordergrund rücken. In dieser Klischeehaftigkeit sind sich fast alle Charaktere gleich, was die eigentlichen Konflikte und Antriebe in den Hintergrund drängt, die bis dahin so spannend und kunstvoll entwickelt wurden. Keine Figur darf aus dem Korsett der Heldenhaftigkeit ausbrechen und so werden einige Charakterentwicklungen ad absurdum geführt. Als Seiteneffekt dieser Eindimensionalität geraten die wiederholten Schlachten in den Höhlen unterhalb der Südmarksburg trotz ihrer exotischen Kulisse schnell zu einer langweiligen weil abwechslungsarmen Angelegenheit. So etwas bin ich von Tad Williams nicht gewohnt, hier hätte ich mir ein wenig mehr von der Fantasie gewünscht, mit der er seine Welt ansonsten ausgestattet hat. Aber wenigstens das für die meisten Figuren schmerzhafte Ende hebt sich aufgrund des weitgehend fehlenden Happy Ends aus der Masse heraus.

Punkten kann Das Herz zudem mit einer Tugend, die schon die ersten drei Bände lesenswert machte: Jede Figur in der Geschichte ist mit ihrer ganz eigenen Denkweise und Sprache ausstattet, die sich gut voneinander abheben. Gerade die in der Schattenmark ortsfremden Charaktere und Völker – ganz deutlich an Quinnitan zu bermerken – benutzen ihre eigenen Vokabeln und Ausdrücke, um die Welt und ihre Wahrnehmung davon zu beschreiben. Diese Perspektivwechsel bieten immer wieder interessante Blickwinkel auf die ablaufende Handlung und ermöglichen erst das Verständnis der Handlungen.

Spannende Ansätze sind weiterhin die Beschreibung der Schlafwelt zwischen dem Diesseits und dem Tod, in der auch die Götter verbannt wurden, und die fantasievolle Idee der Feuerblume, für deren Verständnis erst dieser letzte Band die Vorraussetzungen schafft. Als Folge dessen werden weitere Entwürfe wie die mehrfache Bedeutung der Südmarksburg als titelgebendes Herz deutlich – bis hin zum Grundriss der Festung aus dem Einband, dessen Form dem Organ ähnelt.

Fazit: Fast zerstört Tad Williams mit dem letzten Teil der Shadowmarch-Serie, was er vorher so wundervoll aufgebaut hat. Dieses Buch ist in seiner Figurenzeichnung und Kriegsheldenhuldigung nicht besser als der übliche Fantasy-Einheitsbrei. Allein die detaillierte Welt der Schattenmark hat in ihrem umfassenden Entwurf nichts von ihrer Qualität verloren, so dass ich das Buch als Abschluss der Saga akzeptieren kann, wenngleich es als alleinstehendes Werk eine Enttäuschung ist.

Vorhergehende Bücher:

  1. Die Grenze
  2. Das Spiel
  3. Die Dämmerung