Bye Bye Blog

Es ist wieder so weit. Diesmal vielleicht für immer: Nach einem enttäuschenden Jahr 2013 stelle ich ab sofort die Arbeit an meinem Blog ein.

Das ist eine schwere Entscheidung, aber ich muss diese Konsequenz ziehen. Das letzte Jahr hat gezeigt, dass meine Prioritäten sich verlagern. Ich habe keine Zeit mehr für den zeitraubenden Prozess, meine Gedanken in nachvollziehbare Worte zu fassen. Unzählige Artikelleichen zeugen davon. Die vielen Lücken bei den gesehenen Filmen führen zudem den Sinn dieses Blogs ad absurdum. Ich wollte immer eine Gedächtnisstütze haben, in der ich auch nach Jahren noch nachschlagen kann, was mir nach Sichtung eines Films durch den Kopf ging.

Diesen Zweck erfüllt der Blog schon jetzt nicht mehr. Also werde ich keine Zeit mehr in etwas investieren, das mich nur halb zufriedenstellt. Da zudem absehbar ist, dass ich künftig noch weniger in das Schreiben investieren kann, lasse ich es lieber bleiben und versuche dafür mehr zu sehen und zu lesen. Der Blog selber wird in seinem aktuellen Zustand bestehen bleiben und vielleicht sogar noch den einen oder anderen Artikel sehen – mehr aber auch nicht.

Deshalb: Bye bye, mein Blog, und dankeschön an alle Leser!

Mein Jahr 2013 in Zahlen

Ich wünsche allen meinen Lesern ein frohes neues Jahr. Wie schon in den letzten Jahren möchte ich den Jahreswechsel nutzen, um einen ganz persönlichen Rückblick auf das Jahr 2013 zu werfen.

Zuerst die schnöden Zahlen:

  • (nur) 14 mal im Kino gewesen
  • 93 Filme gesehen
  • 26 Blogeinträge verfasst (die Konsequenz folgt)
  • 5 Bücher gelesen (ein Rekord-Tiefstwert)
  • 3674 Bilder geschossen

Als nächstes folgt eine Liste der zehn besten Filme, die ich dieses Jahr gesehen habe (sehr Science-Fiction-lastig):

  1. The Congress
  2. Frankenweenie
  3. Gravity
  4. Looper
  5. Inside Llewyn Davis
  6. Django Unchained
  7. Paulette
  8. The Place Beyond the Pines
  9. Sightseers
  10. Zero Dark Thirty

Und weil Last.fm so schön meine Hörgewohnheiten loggt gibt es auch erstmals eine Liste der von mir am häufigsten gehörten Alben des Jahres:

  1. Bring Me the Horizon – Sempiternal
  2. Placebo – Loud Like Love
  3. Korn – The Paradigm Shift
  4. Silverstein – This Is How the Wind Shifts
  5. Circa Survive – Violent Waves
  6. Coheed and Cambria – The Afterman: Descension
  7. Mumford & Sons – Babel
  8. In Fear and Faith – In Fear and Faith
  9. Deftones – Koi No Yokan
  10. Coheed and Cambria – The Afterman: Ascension
  11. Memphis May Fire – Challenger

Blue Jasmine

USA (2013)
Regie: Woody Allen
Darsteller: Cate Blanchett (Jasmine), Sally Hawkins (Ginger), Alec Baldwin (Hal), Bobby Cannavale (Chili), Andrew Dice Clay (Augie), Michael Stuhlbarg (Dr. Flicker), Louis C.K. (Al), Peter Sarsgaard (Dwight Westlake), Alden Ehrenreich (Danny Francis)

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Jasmine hat einen großen Absturz hinter sich: Ihr Mann Hal, ein reicher Bauunternehmer, hat sich als Betrüger herausgestellt und im Gefängnis das Leben genommen. Jetzt steht sie, die das Leben der Manhattener Upper Class in vollen Zügen gelebt hat, plötzlich ohne Mittel da. Zum Glück nimmt ihre Halbschwester Ginger sie in ihrer kleinen Wohnung in San Francisco auf, denn Jasmine weiß nicht mehr weiter. Ein Nervenzusammenbruch und Medikamentenmissbrauch haben merkliche Spuren in ihrer Psyche hinterlassen.

Jasmine bleibt nur die Gewissheit, dass sie nicht dauerhaft so leben will wie Ginger. Sie will zurück in die Upper Class und ein Online-Studium zur Innenarchitektin soll ihr dabei helfen. Dumm nur, dass Jasmine nicht mit Computern umgehen kann. Also nimmt sie wohl oder übel einen Job als Empfangsschwester bei einem Zahnarzt an, um Computerkurse an der Abendschule zu finanzieren. Als sie jedoch auf einer Party den Diplomaten Westlake kennenlernt, tut sich eine Abkürzung zurück in die Welt der Reichen für sie auf…

Auch mit fast 80 Jahren bringt Woody Allen wie gewohnt jedes Jahr einen neuen Film in die Kinos – und die Stars stehen Schlange für eine Rolle. In Blue Jasmine steht die große Cate Blanchett (nicht nur auf dem Plakat) im Vordergrund, in einer Charakterrolle, wie sie der Altmeister lange nicht mehr ausgearbeitet hat. Dem Drama um Jasmine muss sich alles unterordnen, sogar der für Allen typische Humor, der nur in wenigen Szenen vorsichtig durchbricht. Stattdessen dominiert eine fatalistische Handlung, die von vielen Flashbacks unterbrochen wird. Über diese wird zum Einen die Vorgeschichte um Jasmines Ehemann Hal erzählt, zum Anderen verdeutlichen sie dem Zuschauer die voranschreitende psychische Störung der Hauptfigur.

Denn immer wieder flieht Jasmine aus der unerfreulichen Gegenwart in Selbstgespräche und Tagträume. Sie ist vollkommen gefangen in ihrer Weltsicht, nach der Reichtum nur eine Frage der Haltung und des Denkens ist und ihr deshalb im Gegensatz zu ihrer Schwester etwas besseres zusteht – die Überheblichkeit der Oberschicht. Diese Arroganz und Verleugnung der Realitäten geht so weit, dass sie Gingers Freund einen Looser nennt, weil er aus ihrer Sicht keine großen Ziele hat. Der tote Ex-Mann dagegen, obwohl ein Betrüger von gigantischen Ausmaßen, ist in ihrer gestörten Wahrnehmung immer noch das Ideal. So trifft sie auch keine Mitschuld, dass Hal die Zukunftsträume von Ginger und ihrem Ex-Mann Augie zerstört hat. Sie als Vermittlerin wollte ja nur helfen und bei Geld darf man nicht kleinlich sein.

Als er das Geld der Schwester verzockte hat sie spätestens gewusst, dass Hal ein Betrüger ist. Doch die Behörden informiert sie erst, als sie herausfindet, dass Hal auch sie betrogen hat – mit anderen Frauen. So zerstört sie sein Leben nicht um Gutes zu tun, sondern aus dem niederem Instinkt der Rache. Solange er ihr ermöglichte, an der feinen Gesellschaft teilzunehmen, war es egal, wie er das Geld heranschafft. Aber selber Opfer der eigenen Haltung zu sein, das verkraftet sie nicht.

Woody Allen zeichnet mit diesem Storytwist ein bitterböses Charakterbild der ethiklosen Upper Class. Doch er beschränkt sich nicht darauf, sondern führt den Niedergang von Jasmine bis zu einem noch bittereren Ende. Zuvor lässt er kurz einen Hoffnungsschimmer am Horizont erscheinen: Jasmine, immer noch der Meinung dass sie nichts anderes verdient als einen weiteren reichen Mann, lernt auf einer Party den perfekten Nachfolger für Hal kennen. Nur mit dem Unterschied, dass sie diesmal an einen Saubermann gerät, der ihre Ansicht nicht teilt, dass der Zweck die Mittel heiligt. Die sich in Lügen manifestierende Selbstverleugnung stürzt sie schließlich endgültig ins Fiasko und zehrt den verbliebenen Rest ihrer Nerven auf.

Mit einer großartigen Cate Blanchett als perfekte Verkörperung der Jasmine und der gelungenen Erzählform hätte aus dieser Geschichte ein Film von der Klasse eines Match Point werden können müssen. Doch leider hat Woody Allen den Film mit einer Sammlung von unglaubwürdigen Nebenfiguren versehen. Die Idee der zwei so unterschiedlichen weil adoptierten Schwestern nehme ich ihm noch ab, aber ansonsten funktioniert die Figur der Ginger überhaupt nicht. Das fängt an mit den beiden Kindern, die nach der anfänglichen Vorstellung für den Rest des Films verschwinden, und setzt sich fort bei ihrem Freund, der immer sorgfältig gestylt Arbeiterhemden trägt, die ihn wohl als Mechaniker ausweisen sollen. Ihrem Ex-Mann Augie habe ich als einzigen der Runde den Handwerker abgenommen, der sehnsuchtsvoll an seinen durch Jasmine vereitelten Traum von der Selbständigkeit zurückdenkt, während er von seinem Job auf einer Ölplattform in Alaska berichtet.

Dazu gesellt sich in der Mitte des Film die seltsame Kausalkette, dass Jasmine ihr Studium der Innenarchitektur unbedingt online absolvieren möchte, obwohl sie noch nie einen Computer bedient hat. Also steht plötzlich ein MacBook in Gingers Küche und Jasmine arbeitet als Sprechstundenhilfe, um das Geld für einen Abendkurs zu verdienen. Nachvollziehen kann ich das nicht, aber zum Glück windet sich der Film aus diesem verwirrten Mittelteil wieder heraus.

Trotzdem bleibt am Ende der Eindruck zurück, einen nur mittelmäßigen Film gesehen zu haben. Eine gute Idee und die optimale Besetzung mit Cate Blanchett reichen nicht, wenn der Rest der Handlung uninspiriert und unglaubwürdig dazu geschustert wurde. Von Woody Allen erwarte ich einfach mehr!

Meine Sony α65 – ein vergleichendes Review

Als ich vor einiger Zeit diesen Artikel über einen Vergleich einer Sony α58 mit einer Olympus OM-D E-M5 las, wurde ich daran erinnert, dass ich zu beiden Kameras auch etwas schreiben wollte. Genauer gesagt zu den Kritikpunkten des Artikels an der α58, die ich mit meiner inzwischen anderthalb Jahre alten α65 fast 1:1 nachvollziehen kann. Die Olympus-Kamera habe ich dagegen im Berliner Olympus OM-D: Photography Playground im August ausprobieren können, so dass ich auch dazu etwas schreiben will.

Anfangen möchte ich mit der Entscheidung, weshalb ich überhaupt eine Sony-Kamera gekauft habe. Vor fast drei Jahren wuchs in mir der Wunsch bessere Fotos aufzunehmen, als es meine Hosentascheknipse erlaubt. Zum einen hatte ich an der Nikon D90 eines Reisegefährten gesehen, dass bei gleichen Motiven der qualitative Unterschied größer als erwartet ist. Zum Anderen wollte ich endlich mit der Tiefenschärfe herumspielen, so dass ein größerer Sensor unabdingbar war.

Also stand ich vor dem Einstieg in die DSLR-Fotographie. Der USA-Urlaub mit der Canon 350D meines Bruders bestätigte mich in meinem Wunsch und gab mir vor allem die Gewissheit, dass ich wirklich bereit bin, ein solches Gerät ständig mit mir herum zu schleppen. Im Bereich meiner Preisvorstellung tummelten sich Ende 2011 die Canon EOS 600D, die Nikon 5100, die Sony α65 und die Pentax K-5 – letztere strich ich aufgrund ihres schlichten Designs sofort aus der Liste. Ich wollte einen möglichst kleinen Body und die spiegellosen Systemkameras waren aufgrund der geringen Objektivauswahl noch keine ernsthafte Alternative.

Hätte ich die Entscheidung heute treffen müssen, hätte ich eine Sony NEX-6 gewählt, da es inzwischen sehr schöne Objektive wie das 18-105 F4 und das 10-18 F4 für das NEX-Bajonett gibt. Doch vor knapp zwei Jahren war daran nicht zu denken, und so blieben die beiden Platzhirsche Canon und Nikon plus der Herausforderer Sony mit seinen technischen Innovationen. Denn Sony bot nicht nur die (potentiell Licht kostende) SLT-Technik, die ein echtes WYSIWYG ohne beschnittenen Liveview-Modus wie bei der Konkurrenz ermöglicht, sondern ebenso einen tollen digitalen Sucher (aus meiner Sicht den kleinen optischen Suchern der Einsteiger-DSLR überlegen) und etwas, dass es maximal für Nikon als Aufsteckgerät gab: Automatisches Geotagging der Bilder durch In-Camera-GPS.

Also habe ich die Sony α65 bestellt und nach ein paar Monaten Verzögerung durch die Flutkatastrophe in Asien besaß ich endlich eine eigene “ernsthafte” Kamera. Diese hat mich inzwischen um den halben Globus begleitet und mir viel Freude bereitet. Dennoch gibt es einige Punkte zu kritisieren, womit ich auf den oben verlinkten Artikel zurückkomme.

Die Sony benötigt keinen Kontrastautofokus, weil sie dank des durchlässigen Spiegels gleichzeitig (phasen-) fokussieren und mit dem Sensor aufnehmen kann. Geschwindigkeitsprobleme konnte ich dementsprechend nicht beobachten, doch zwei Punkte trüben die Erfahrung etwas. Das Eine sind die wenigen Autofokuspunkte, die noch dazu alle sehr zentral angeordnet sind. Eine Bildkomposition ist so oft nur durch vorheriges Fokussieren mit anschließendem Schwenken des Bildausschnittes möglich – bei 24 Megapixeln werden jedoch kleinste Schärfeabweichungen sofort evident. Für zeitunkritische Aufnahmen hätte ich also gerne einen Kontrastautofokus als Option gehabt.

Desweiteren fehlt der α65 im Gegensatz zur größeren Schwester α77 ein Autofokushilfslicht für schwierige Lichtbedingungen. Zuletzt gab es einige Situationen, in denen ich es schmerzlich vermisst habe. Ärgerlich ist in diesem Zusammenhang, dass zwar ein Vorblitz den Autofokus unterstützen kann – allerdings nur in den Auto-Modi. Ich dagegen fotografiere fast ausschließlich in den PASM-Modi.

Eine weitere Software-Beschränkung trennt die beiden Kamera-Schwestermodelle: Der Auto-ISO-Modus ist auf 100-1600 beschränkt und kann nicht angepasst werden. Dabei konnte dies bereits meine Hosentaschenkamera und bei Olympus jede Systemkamera im Portfolio. Meine Erfahrung ist, dass ISO 1600 bei 24MP oft zu viel für die Kamera ist. Ich würde also gerne 100-800 einstellen, werde jedoch im Gegensatz zur α77 durch die Firmware daran gehindert. Ich würde mir wünschen, dass Sony seine Modelle durch die Hardware voneinander abgrenzt und nicht künstliche Softwarebeschränkungen einbaut.

Das gleiche Spiel findet sich bei den Bildreihen. So toll der Serienbildmodus mit 10 Bildern pro Sekunde ist, bei den Belichtungsreihen gibt es maximal drei Aufnahmen in Folge und der Bereich kann nur zwischen 0 und 0,7EV gewählt werden. Die α77 wiederum beherrscht 5 Aufnahmen und 3EV Unterschied. Aus diesem Grund steuere ich HDR-Aufnahmen inzwischen voll manuell über die Belichtungszeit, die ich abhängig vom Histogramm einstelle.

Wo ich schon beim nächsten Punkt bin: Für das Display und den digitalen Sucher kann ich aus 6 bzw 5 Anzeigemodi auswählen. Eine individuelle Kombination von anzuzeigenden Elementen, also z.B. das Histogramm zusammen mit der Horizontanzeige, ist jedoch nicht möglich. Ebenso kann ich zwar die Funktionen einiger Knöpfe an Rück- und Oberseite anpassen, eine Kombination von Einstellungen als persönliche Vorgabe im Moduswählrad gibt es jedoch nicht. Hier zeigt mir Sony mehr als deutlich, dass ich nur eine Prosumer-Kamera erworben habe und kein Profimodell. Trotzdem sollte sich nicht schon nach einem Jahr der Gummi der Daumenablage lösen!

Was sich im Nachhinein als negativ herausgestellt hat, ist ironischerweise Sonys Innovationsgeist, der mich erst zu der Firma hinzog. Denn in den letzten anderthalb Jahren hat Sony vor allem daran gearbeitet, sein Angebot im Bereich der spiegellosen Systemkameras auszubauen. Viele Modelle und Objektive der NEX-Serie bis hin zu den neuen Fullframe-Kameras A7/A7R haben die Resourcen der Entwicklungsabteilung gebunden, so dass für den A-Mount nur wenig neues Glas erschienen ist.

Dieses Problem haben Käufer einer OM-D E-M5 nicht. Olympus konzentriert sich voll auf seine m43-Kameras und verbessert sie stetig. Sofort überzeugt hat mich die M5 aber nicht, als ich sie Ende Mai in den Opernwerkstätten Berlin ausprobieren konnte. Dies lag teilweise am Konzept des Fotografie-Spielplatzes, dessen 12 Installationen einfach zu wenig Licht boten, um vernünftige Belichtungszeiten zu ermöglichen, und teilweise am schlechten Standardobjektiv, welches ich als deutlich limitierend empfand. Der nicht vorhandene Blitz tat sein übriges, so dass ich vor allem eines fotografiert habe: Viel Rauschen bei ISO 1600.

Auch der Weißabgleich hatte seine Probleme, in der schwierigen Lichtsituation die Farben korrekt wiederzugeben. Das kenne ich jedoch ebenso von der Sony, die bei abnehmenden Licht schnell zu kalte Farben produziert.

Trotzdem konnte ich mich davon überzeugen, dass der Kontrastautofokus der M5 wirklich schnell ist und der 5-Achsen-Bildstabilisator besser arbeitet als der Steady Shot in meiner Sony. Dieser gerät teilweise schon bei 125mm Brennweite und gutem Licht an seine Grenzen, so dass ich ihn genausogut ausschalten kann. Dank einer Zusammenarbeit von Sony und Olympus wird es den 5-Achsen-Stabilisator aber bald auch in Sony-Modellen geben.

Bei meiner Kamerawahl war ein möglichst kleinen Gehäuse ein Wunschfaktor – mit der M5 in der Hand wurde mir klar, dass es auch zu klein gibt. Denn die Knöpfe der Olympus sind für meine großen Finger nur schwer zu bedienen; das Drehrad um den Auslöser ist viel zu hakelig. Einzig das Display überzeugte mich mit seiner Helligkeit und der Touchfunktion, aber beim winzigen und viel zu grellen digitalen Sucher sehnte ich mich zu meiner α65 zurück.

Bei der Wahl zwischen meiner Sony und der M5 würde ich deshalb wieder zur α65 greifen. Trotz aller Einschränkungen ist sie mindestens so leistungsfähig wie die Olympus mit dem kleineren Bildsensor, was auch DxoMark bestätigt.

The Congress

Israel/Deutschland/Polen/Luxenburg/Frankreich/Belgien (2013)
Regie: Ari Folman
Darsteller: Robin Wright (Robin Wright), Kodi Smit-McPhee (Aaron Wright), Sami Gayle (Sarah Wright), Danny Huston (Jeff), Jon Hamm (Dylan Truliner), Paul Giamatti (Dr. Barker), Harvey Keitel (Al) und andere Trickfilmfiguren

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Robin Wright ist mit Anfang 40 scheinbar am Ende ihrer Karriere als Schauspielerin angelangt. Niemand in Hollywood will sie mehr besetzen; zu viele Rollenangebote hat sie abgelehnt, zu eigenwillig hat sie sich bei den Dreharbeiten verhalten. Also lebt sie mit ihren beiden Kindern in einer ehemaligen Flugzeughalle und kümmert sich hauptsächlich um den Sohn, der an einer Krankheit leidet, die ihm nach und nach erst das Gehör und dann das Augenlicht kosten wird.

Da die Behandlung des Sohnes einiges Geld kostet, lässt sie sich auf einen Deal mit einem Studioboss ein: eine finale, letzte Rolle. Das Studio scannt ihr Äußeres ein und digitalisiert ihre Emotionen mit dem Ziel, künftig beliebig Filme mit einer nicht-alternden, virtuellen Robin Wright zu drehen. Die echte Robin willigt ein, nie wieder vor eine Filmkamera zu treten.

20 Jahre später hat sich die Welt radikal geändert. Jeder Mensch besitzt ein frei wählbares digitales Ich, mit dem er in künstliche Welten flüchten kann. Doch das Filmstudio, welches diese Welten beherrscht, hat revolutionäres vor. Mit Hilfe von synthetischen Drogen soll jeder Mensch die Wahrnehmung der echten Welt seinen Bedürfnissen anpassen können, in seiner ganz eigenen Welt leben können. Deshalb soll Robin einen weiteren Vertrag unterschreiben, in welchem sie die Rechte an ihrem Abbild auf allen Sinnesebenen abtritt.

Für die Unterschrift unter den Vertrag wird sie zum titelgebenden Futurologischen Kongress eingeladen, der im virtuellen Nobelhotel des Filmstudios stattfindet. Doch aus der als triumphale Vorstellung gedachten Veranstaltung wird eine Katastrophe, als Gegner der neuen Technik den Kongress überfallen und alle Beteiligten einem Drogencocktail ausgesetzt werden. Robin wird bei der Flucht aus dem Hotel verletzt und muss eingefroren werden, da niemand sie heilen kann.

Wiederum 20 Jahre später wird sie aufgeweckt und findet sich in einer Welt wieder, in der fast die gesamte Menschheit in die eigene drogenbasierte Wahrnehmung geflüchtet ist. Robin macht sich auf die Suche nach ihren beiden Kindern und muss dabei entdecken, was aus der realen Welt hinter der Drogenfassade geworden ist…

Vor fünf Jahren gelang Ari Folman mit Waltz with Bashir einer der besten jemals gedrehten Animationsfilme. Die Kombination aus einem eindringlichen Thema, erzählt aus einer interessanten Perspektive und versehen mit einer neuartigen, perfekt passenden Animationstechnik führte zu einem großen Gesamtkunstwerk. Als ich davon hörte, dass Folman als nächstes das Buch “Der Futurologische Kongress” von Stanislaw Lem verfilmen wollte, war ich dementsprechend sehr gespannt und voller Erwartungen beim Screening im Rahmen des diesjährigen FFF.

Umso irritierter war ich im ersten Drittel des Films, als sich die Handlung selbstreflexiv um die Umwälzungen in der Filmwelt am Beispiel von Robin Wright drehte. Keine Animation weit und breit, dafür eine kleine Geschichte mit nur wenigen Charakteren. Damit habe ich nicht gerechnet.

Doch der Futorologische Kongress sollte noch folgen und mit ihm viele Plotelemente, die eigentlich Ijon Tichy erlebt, der Held aus Lems Sterntagebüchern. Geschickt verbindet Folman das Thema von der Entfernung der Darstellung vom tatsächlichen Ich aus der filmbezogenen Storyline um Robin Wright mit der Suche nach der tief unter der Drogenwahrnehmung verborgen liegenden Realität aus der Buchvorlage.

Doch der Film schlägt als Folge seines ersten Drittels den Weg zu einem abweichenden Ende ein. Wo bei Lem zum Schluss alles ist wie vorher und sämtliche Drogenerfahrungen nur im Kopf stattgefunden haben, kommt Folman in seinem Gedankengang einer zuksessiven gesellschaftlichen Umwälzung zu einer anderen Vision der Zukunft: Die Menschheit hat sich fast vollständig in die potemkinschen Dörfer der eigenen Vorstellung zurückgezogen und nur wenige ziehen die Tristesse der Realität einer manipulierten Wahrnehmung vor.

Dies hat natürlich Auswirkungen auf die reale Welt. Die in der eigenen Wahrnehmungswelt versunkenen Menschen sind nurmehr Zombiewesen, deren Körper irgendwie am Leben gehalten werden. Der Unterschied zu der grellbunten animierten Drogenwelt ist extrem. Von den Häusern, deren Einrichtung über die Kleidung bis hin zum Wetter ist alles grau. Es scheint, als hätten sich alle kreativen Menschen aus der Realität geflüchtet und der Rest der Menschheit versucht als stützender Unterbau die Fassade nicht einstürzen zu lassen.

Doch so unreflektiert negativ, wie es anscheinend abgebildet ist, lässt Folman diese Welt der Zukunft nicht stehen. Robins Sohn mit seinen abgestorbenen körperlichen Sinnen kann dank der Drogen wieder Bilder und Geräusche wahrnehmen, wenn auch nur in seinem Kopf und als Reaktion auf andere Sinnesreize. Und Robin schafft es schließlich, dank der aufgelösten Schranken von Raum und Zeit des eigenen Wahrnehmungssystems, zu ihrem Sohn zu finden und mit ihm zu leben. Ein sehr versöhnliches Ende für eine nicht immer positiv gemalte Zukunftsperspektive.

Diese lebt, im Gegensatz zu Waltz with Bashir, von ihrer eindeutig als solche zu erkennenden Trickfilmwelt, die nicht nur real gedrehte Szenen verschleiert oder filtert. Alles ist quietschbunt, die Charaktere bedienen sich bei bekannten Bildern aus der gesamten Trickfilmgeschichte. Die Kreativität scheint dabei abhanden gekommen zu sein, da sich viele Figuren wie die von Marilyn Monroe wiederholen. Eine Lesart dieses Details ist, dass die Menschen sich nicht mehr anstrengen, wo sie doch alles sein können, was sie wollen. Es gibt folglich kein Streben mehr und keine neuen Ideen, so dass es den Menschen auch egal ist, wie sie in der echten Welt aussehen und was mit ihren Körpern passiert.

Zusammengehalten werden die verschiedenen imaginären und zeitlich getrennten Welten des Films durch den ruhigen Soundtrack. Ein wiederkehrendes Pianomotiv lässt auch auf dem hektischen Kongress und in der deprimierenden realen Welt der Zukunft noch an das Happy End glauben. Von dem vorher extra angekündigten Dolby Atmos, welches über zusätzliche Deckenlautsprecher verfügt, habe ich aber nicht viel mitbekommen. Dazu ist der Film über weite Teile einfach zu ruhig. Und das ist auch gut so, denn obwohl The Congress es nicht schafft, die Buchvorlage adäquat auf die Leinwand zu bringen und verglichen mit Waltz with Bashir den Kürzeren zieht, so hat er doch einiges zu sagen und zu zeigen, über dass es sich nachzudenken lohnt!

Gravity

USA/UK (2013)
Regie: Alfonso Cuarón
Darsteller: Sandra Bullock (Dr. Ryan Stone), George Clooney (Matt Kowalski)

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Die Astronauten Dr. Ryan Stone und Matt Kowalski sind im Einsatz am Hubble-Teleskop, als Trümmerteile von Satelliten ihr Shuttle zerstören. Ihre einzige Chance auf eine Rückkehr zur Erde besteht darin, mit den Antriebsdüsen von Kowalskis Raumanzug bis zur ISS zu fliegen – wenn denn der Treibstoff und die Luftreserven reichen…

Ganz am Ende des Films mehren sich Szenen, die prototypisch für Gravity sind. Da sieht der Zuschauer in einer beeindruckenden Plansequenz wie Sandra Bullock sich schwimmend aus einem See rettet um am schlammigen Ufer erschöpft liegen zu bleiben. Kurz darauf rafft sie sich jedoch auf und erhebt sich mit letzter Kraft, von der Kamera aus Bodenperspektive festgehalten.

Technische Perfektion trifft hier auf einen plakativen Verweis auf den Filmtitel. Bullocks Figur darf stellvertretend für die gesamte Menschheit deren Evolution in Sekunden nachvollziehen und damit den gewonnenen Kampf gegen die Schwerkraft noch einmal ausfechten. Denn die Raumfahrt ist in Gravity nichts anderes als die Überwindung der Bindung an den Erdenkörper – die jedoch in der Sehnsucht der Raumfahrer weiterlebt und so niemals komplett gekappt wird.

Von diesem Thema erzählt der Film in einer minimalen Figurenkonstellation und gleichzeitig technisch brillianten Materialschlacht. Diese Extreme setzen sich auch beim Soundtrack fort, der wiederholt in dramatischen Situationen als Ersatz für die fehlende Akustik des Weltraums crescendo-artig in den Vordergrund drängt, nur um dann minutenlang zu schweigen und den Zuschauer mit den Funksignalen allein zu lassen

Als Ergebnis hatte ich zum ersten Mal seit 2001 wieder das Gefühl, eine realistische Darstellung der Raumfahrt zu sehen. Cuarón schafft es, die Gefahren des Weltraums greifbar zu machen, die Hilflosigkeit des an dieses Habitat nicht angepassten Menschen intensiv zu verdeutlichen. Der Zuschauer erlebt, was es bedeutet, ohne Orientierung in der Leere zu treiben, weil in der Schwerelosigkeit ein Impuls ausreicht, um für immer im unendlichen Raum zu treiben. Er sieht aus der Perspektive von Ryan die Folgen der Luftlosigkeit, die der Mensch nicht nur zum Atmen benötigt sondern auch als Träger von Wärme, Sprache und anderen Geräuschen. Die Zerstörungen der diversen Raumstationen und -kapseln werden dadurch, dass sie nicht zu hören sind, umso intensiver und vor allem gefährlicher wahrgenommen.

Doch Gravity funktioniert nur in dieser engen Umarmung von Handlung und -ort. Wenn ich mir das Weltall wegdenke, dann bleibt auf der Handlungsebene die Odyssee eines Menschen durch undenkbare Katastrophen übrig, die in ihrer ständigen Steigerung des Schleifencharakters (Aufbruch zum nächsten Rettungsanker -› Probleme auf dem Weg dahin -› Ankunft und Ernüchterung) fast schon kafkaesk wirkt. Nur dass die Reise hier auf ein Ziel hinausläuft und am Ende Ermüdungserscheinungen durch den repetativen Charakter zeigt.

Dies liegt auch daran, dass Sandra Bullock den größten Teil des Films ohne jegliche Interaktion mit anderen Schauspielern auskommen muss – ein schweres Unterfangen, vor allem bei Bluescreenaufnahmen, denen zusätzlich das Szenenbild fehlt. Dies funktioniert in den Situationen gut, in denen sie aufgrund der unglaublichen Pechsträhne am Verzweifeln ist und ihre Wut in eine kleine Raumkapsel hinausschreit oder mit den vielen chinesisch beschrifteten Knöpfen eines Bedienpultes klarkommen muss. Da habe ich ihr die im Grenzbereich agierende Astronautin abgenommen. Wenn sie jedoch ihre allzu dramatische Hintergrundgeschichte im Dialog mit einem sie nicht verstehenden Funker auf der Erde aufarbeiten oder die plakative Aussage “Es liegt alles an Dir, die Situation zu verändern” transportieren muss, dann wirkte es auf mich nur aufgesetzt. Letztere Szene nutzt Cuarón aber sehr geschickt, um die Auswirkungen von zu viel CO₂ in der Luft zu demonstrieren und gleichzeitig George Clooney noch einmal ins Bild zu holen – eine willkommene Abwechslung, trotz seines kaum ausgearbeiteten Charakters.

In all seiner technischen Brillianz, die bis auf die Ausstattung des Raumstationen durchschlägt (welche jeweils kaum eine Minute von innen zu sehen sind), leistet sich Gravity doch ein paar Unglaubwürdigkeiten. Nehme ich die Verkettung von unglücklichen Umständen noch als Handlungsgrundlage hin, so glaube ich jedoch nicht, dass Drucktüren immer so extrem aufspringen wie gezeigt – sonst müssten ständig Astronauten im All verloren gehen. Und was Cuarón an Vorurteilen über Russen und Chinesen auftischt kratzt ganz schön an der ansonsten realistischen Fassade des Films: Die Russen werden mit ihrer Raumkapsel und der nicht funktionierenden Treibstoffanzeige als inkompetent dargestellt, haben aber natürlich einen versteckten Vodka an Bord, während in der chinesischen Station Tischtennisschläger durch die Gegend schweben.

Visuell bombastisch, akustisch übertrieben, beklemmend dramatisch – mit feinen Tönen hält sich Regisseur Cuarón nicht auf. Am Ende bleibt trotz der vielen Ecken ein sehr intensiver Film in Erinnerung, der vor allem mit seiner beeindruckend realistischen Abbildung des Weltraums überzeugen kann.

Baedeker vs Dumont vs Marco Polo – ein Reiseführervergleich am Beispiel der Toskana

Reiseführer habe ich für jeden größeren Urlaub im Bücherregal stehen. Darunter finden sich Marco Polos, Baedekers, Stefan Loose Reiseführer, ADAC und viele mehr. Doch für keinen Urlaub hatte ich bisher den Luxus mehrerer Reiseführer gleichzeitig, um deren Qualität vergleichen zu können. Dank einer Ausleihe und viel investierter Zeit konnte ich nun einen direkten Vergleich vornehmen und will mein Urteil nicht für mich behalten.

Baedeker Norditalien
6. Auflage 2011, ISBN 978-3-8297-1242-2, 25,95€

Der Baedeker ist der einzige Reiseführer aus meinem Vergleich, der nicht 100%ig zu meinem Reiseziel (die Toskana) passte, sondern den größeren Bereich von ganz Norditalien abdeckte. Das hatte den Vorteil, dass die beiliegende Karte (ein Pluspunkt dafür, dass sie herausnehmbar ist) den kompletten italienischen Teil der Reiseroute abdeckte. Der größere Kartenbereich geht jedoch auf Kosten der Details, weshalb ich eine genauere Karte vor Ort in der Toskana erworben habe.

Der Vorteil der größeren Abdeckung gilt auch inhaltlich: Zwischenziele wie der Gardasee und an die Toskana angrenzende Sehenswürdigkeiten wie Cinque Terre wurden ebenfalls besprochen. Die anderen beiden Reiseführer hören an der Grenze der Region Toskana auf.

Dieser Vorteil ist gleichzeitig auch der größte Nachteil des Baedeker: 50% des Inhalts waren für mich überflüssig. Da er die einzelnen Reiseziele zudem nicht örtlich gruppiert, sondern strikt alphabetisch anordnet, war ich ständig am Blättern. Hier haben die anderen Reiseführer die Nase vorne, welche die Toskana in Kapitel herunterbrechen und zusammenhängende Gebiete auch zusammen behandeln. Dies halte ich für sinnvoller.

Aber gut, dies gehört ebenso zum Baedeker-Konzept wie der Schwerpunkt auf Kunst und Architektur und ihre Geschichte. Mich interessiert dies eher weniger, doch Italien mit seiner reichen Historie bietet dem Reiseführer genügend Material, welches er in vielen Absätzen ausführlich behandelt.

Als echtes Problem haben sich beim Lesen die Stadtpläne herausgestellt. Bei größeren Zielen sind sie auf ein oder zwei Seiten abgedruckt. Doch sie sind oft so skaliert, dass kein Platz für Straßennamen mehr blieb. Weiterhin passen sie nicht zum Text. Dort sind Wegerouten beschrieben, die aufgrund der fehlenden Straßennamen nicht nachvollzogen werden können. Teilweise müssen im Text genannte Sehenswürdigkeiten mühselig auf der Karten gesucht werden oder liegen gar außerhalb des Ausschnitts. Ein Reiseführer sollte mir bei der Orientierung helfen und dafür Informationen aufbereiten und nicht neue Fragen zum Verständnis aufwerfen.

Abgesehen von diesen konzeptuellen und qualitativen Problemen habe ich den Urlaub jedoch gut mit dem Baedeker planen können und hätte mir deshalb keine weitere Literatur zugelegt. Dank der Beliebtheit des Reiseziels Toskana fanden sich im Freundeskreis jedoch weitere Reiseführer, die ich für ergänzende Informationen herangezogen habe.

Dumont Toscana
2. Auflage 2011, ISBN 978-3-7701-7253-5, 14,95€

Im Gegensatz zum Baedeker und Marco Polo haben die Dumont-Reiseführer eine individuellere Herangehensweise. Die Autoren treten mit ihren Meinung weit mehr in den Vordergrund als bei den auf Objektivität bemühten Konkurrenten. Dies äußert sich in Rubriken wie dem Lieblingsort und den immer wieder die Texte unterbrechenden Entdeckungstouren und einem sehr persönlichen Schreibstil.

Dieser wirkt sich sogar auf den ansonsten in allen drei Reiseführern sehr ähnlichen Teil mit Hintergrundinformationen zu Land und Reise aus. Im Abriss zur Geschichte der Toskana nehmen die Jahre 1986 bis 2010 einen Viertel des Platzes ein. Dabei werden sogar Regionalwahlen angesprochen, wobei die Sympathie der Autorin erkennbar auf Seiten der politisch Linken liegt. Ich wurde dunkel an die rot gefärbte Sicht auf die Geschichte zu DDR-Zeiten erinnert.

An einigen Stellen ist die Autorin auch offener, als ich es aus Reiseführern gewohnt bin. So wirft sie einigen der erwähnten Restaurants ihre einfallslose Küche vor. Ob dies nur eine persönliche Note ist, sie vielleicht keine empfehlenswerten Restaurants kennt und ob die Konkurrenten weniger kritisch bei ihren Empfehlungen sind – ich weiß es nicht. Überrascht hat mich der leicht sarkastische Schreibstil auf jeden Fall.

Bei den Innenstadtplänen kann sich der Dumont mit übersichtlicheren Grafiken vom Baedeker absetzen. Dafür gibt es beim Layout Abstriche: Die Überschriftenhierarchie wird teilweise über Farben gelöst. So habe ich oft die Übersicht verloren, ob ich mich noch in dem Abschnitt zu nahen Reisezielen befinde bzw worauf sich die Rubrik Essen & Trinken gerade bezieht. Das lösen die Konkurrenten deutlich besser.

Marco Polo Toskana
16. Auflage 2010, ISBN 978-3-8297-0571-4, 9,95€

Der Marco Polo zeichnet sich vor allem durch seine Reduktion aufs Wesentliche aus. Persönliche Ansichten und Schreibstile der Autoren wie beim Dumont – hat er nicht. Schwerpunkte wie die Kunstgeschichte im Baedeker – hat er nicht. Gefühlt richtet er sich mehr an jüngere Leser (es gibt Hinweise für das Nachtleben), die kurz und bündig informiert werden wollen. Und kommt damit ganz gut bei mir an.

Die Reduktion kommt der geringen Seitenanzahl zu Gute. Der Marco Polo ist der einzige der drei Reiseführer, den ich unterwegs mitgenommen habe, weil er in die Beintasche meiner Hose gepasst hat. Zudem finde ich als begeisterter Turmsteiger es sehr angenehm, dass er Aussichtspunkte mit einem eigenen Symbol im Text hervorhebt. Da die Bilder gefühlt aktueller und passender sind und das Layout keine Fragen offen lässt, verzeihe ich ihm auch die nicht herausnehmbare und auf 16 Seiten aufgeteilte Karte.

Im Zweifel würde ich also den Marco Polo wählen, weil er einfach praktisch ist. Mit der Karte des Baedeker wäre er fast perfekt. Die anderen Reiseführer sind teurer und bieten dafür mehr Lesestoff. Da ich aber alle Reiseziele im Internet gegenchecke, benötige ich diesen höheren Informationsgrad gar nicht. Am Ende hätte ich mit jedem der drei den Urlaub gut planen können!

Kildare Round Tower

Die abgeschiedene Lage von Irland als Insel am Ende der damals bekannten Welt hat sicherlich ihren Anteil am Fehlen von repräsentativen Kirchengebäuden, wie sie z.B. Deutschland aufweisen kann. Keine wichtige Handelsstraße führt über die Insel, keine Mäzene drückten ihren Reichtum und Einfluss mit der Förderung von Künstlern umd Architekten aus. Hinzu kommt, dass die Iren, anfangs wichtige Exporteure des katholischen Glaubens, über viele Jahrhunderte von Besatzern in ihrer Religion unterdrückt wurden. Dabei sind sie ein kleines Volk geblieben, welches keinen Bedarf an riesigen Gotteshäusern hat – eine schlechte Voraussetzung für einen Turmkletterer wie mich.

Doch aus der Blütezeit der irischen Kirche, als deren Mönche die gesamte christianisierte Welt beeinflussten und ihr Verständnis der Religion bis nach Italien trugen, ist Irland ein Unikum der frühromanischen Baukunst erhalten geblieben: Die Rundtürme. Zu finden ausschließlich auf der irischen Insel, in Schottland und der Isle of Man, zeugen heute nur noch 69 teilweise erhaltene Exemplare von diesem im elften Jahrhundert in Mode gekommenen Bauschema.

Die freistehenden Türme mit kreisförmiger Grundfläche haben alle ein markantes Merkmal, welches heute noch über ihren Zweck rätseln lässt: Ihr einziger Eingang ist eine drei Meter über dem Boden befindliche Türöffnung. Weit verbreitet ist die Interpretation, dass die Mönche diese Türme zum Schutz vor den Wikingern bauten. Wurde ihre Siedlung angegriffen, so versteckten sie sich darin und zogen die Leitern, welche hoch zum Eingang führten, einfach nach innen. Wie aber ein Blogger überzeugend argumentiert, wäre dies kein wirklicher Schutz gewesen. Mit einem Brandpfeil oder einer eigenen Leiter sind drei Meter schnell überwunden, und ausgeräuchert werden wollten die Mönche bestimmt nicht. Weit überzeugender ist die Vermutung, dass die vormittelalterliche Statik keine hohen Türme ohne entsprechendes Fundament erlaubte. So entstand die erste Öffnung erst oberhalb der sicheren Grundmauern in 3 Metern Höhe.

Von den 65 noch erhaltenen Türmen Irlands sind genau zwei auch besteigbar. Ich habe mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, und den näher an Dublin gelegenen Kildare Round Tower erklommen. Die massiven Mauern lassen im Inneren der Türme keinen Platz für Treppen, so dass Leitern die einzelnen Zwischenböden miteinander verbinden. Wer den Aufstieg wagt, sollte deshalb Taschen und Rucksäcke am Boden lassen, sie behindern nur das Klettern in dem engen Zwischenraum zwischen Mauer und Leiter. Aus demselben Grund dürfen sich maximal sechs Personen gleichzeitig im Turm befinden – ein Ausweichen und Aneinandervorbeigehen ist schlicht nicht möglich. Auf der Turmspitze steht eine Art Käfig, um ein Herabstürzen aufgrund der starken Winde und dem teilweise fehlenden Mauerwerk zu verhindern.

Die Aussicht vom Turm, der die nebenan stehende St. Brigid’s Cathedral mühelos überragt, ist typisch irisch: Kildare hat eine Hauptstraße mit Geschäften, Wohngebiete mit schmalen Einfamilienhäusern und liegt inmitten von grünen Hügeln. Stellt sich also immer noch die Frage, weshalb hier vor über tausend Jahren ein Turm hingebaut wurde. Ich vermute eine Mischung aus weithin sichtbarem Statussymbol (sieh’ her, wozu die Kirche in der Lage ist!) und dem Wunsch, dem eigenen Gott so nah wie möglich zu sein – die Gründe für den Bau fast jedes kirchlichen Glockenturms. Beeindruckend ist auf jeden Fall, dass die Türme die Zeiten überstanden haben und ich mir diese Fragen von deren Spitze aus stellen kann!

Cloud Atlas

von David Mitchell,
herausgegeben von rororo, ISBN 978-3-499-24036-2, 9,99€

Deutschland/USA/Hong Kong/Singapore (2012)
Regie: Tom Tykwer, Andy Wachowski, Lana Wachowski
Darsteller: Tom Hanks (Dr. Henry Goose / Hotelmanager / Isaac Sachs / Dermot Hoggins / Cavendish-Schauspieler / Zachary), Halle Berry (Eingeborene / Jocasta Ayrs / Luisa Rey / Partygast / Ovid / Meronym), Jim Broadbent (Captain Molyneux / Vyvyan Ayrs / Timothy Cavendish / Prescient), Hugo Weaving (Haskell Moore / Tadeusz Kesselring / Bill Smoke / Schwester Noakes / Mephi / Old Georgie), Jim Sturgess (Adam Ewing / Highlander / Hae-Joo Chang / Zacharys Schwager Adam), Doona Bae (Tilda Ewing / Mexikanische Frau / Sonmi), Ben Whishaw (Schiffsjunge / Robert Frobisher / Georgette / Stammesmitglied), Keith David (Kupaka / Joe Napier / An-kor Apis / Prescient), James D’Arcy (Rufus Sixsmith / Pfleger James / Archivar), Xun Zhou (Talbot / Yoona-939 / Rose), David Gyasi (Autua / Lester Rey / Duophysite), Susan Sarandon (Madame Horrox / Ursula / Yusouf Suleiman / Äbtissin), Hugh Grant (Reverend Giles Horrox / Lloyd Hooks / Denholme Cavendish / Seher Rhee / Kona-Häuptling), Katy Karrenbauer (Schlägerin in Pub) und andere Seelen auf Wanderung

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Der kalifornische Notar Adam Ewing zieht sich im 19.Jahrhundert auf der Schiffsreise von Australien zurück nach Hause eine schwere Krankheit zu. Der mittellose englische Komponist Robert Frobisher heuert aus Geldnot in Belgien bei einem alten Meister als dessen Gehilfe an. Die Reporterin Luisa Rey deckt einen Skandal um ein Atomkraftwerk auf. Der Verleger Timothy Cavendish wird auf der Flucht vor schlagkräftigen Gläubigern von seinem Bruder in einem Altersheim untergebracht; muss jedoch feststellen, dass eine Rückkehr nicht vorgesehen ist. In der Zukunft berichtet ein Sonmi-Klon für die Geschichtsbücher, wie ihr Aufstieg zu einem Menschen sie zum Spielball der Konzernokratie machte. Viele Jahre später nach einer atomaren Katastrophe muss Zachary, ein Ureinwohner Hawaiis, in einer archaischen Gesellschaft um sein Überleben und das seiner Sippe kämpfen.

Sechs Geschichten erzählt Mitchell in seinem Buch Wolkenatlas. Sechs Geschichten, die parabelartig angeordnet und miteinander verbunden sind und sich durch unterschiedliche Schreibstile voneinander unterscheiden. Den Anfang macht Adam Ewings Reisetagebuch in der Sprache des 19.Jahrhunderts, das mitten im Satz abbricht. Robert Frobisher schreibt ausufernde Briefe an seinen in England verbliebenen Geliebten. Die Story der Reporterin wird in kurzen Romankapiteln erzählt, dessen Skript in den Händen des Verlegers Cavendish landet. Dieser wiederum berichtet von seiner Odyssee in Form einer Drehbuchvorlage.

Die dystopische Welt der nahen Zukunft erlebt der Leser über ein Verhör des Sonmi-Klons, welches aufgezeichnet wird. Die Postapokalypse auf Hawaii schließlich ist eine orale Erzählung in einer stark verfremdeten Sprache und zugleich die einzige Episode des Buches, die nicht an einer spannenden Stelle mit einem Cliffhanger unterbrochen wird. Ging es bis dahin immer vorwärts in der Zeit, wechselt an diesem Wendepunkt des Buchs die Richtung um 180° und schließt die unterbrochenen Episoden eine nach der anderen ab – das letzte Wort hat der amerikanische Notar.

Verbunden sind die Erzählstränge meistens durch Medien aus der jeweiligen Vergangenheit: Frobisher liest die Tagebücher von Ewing, seine Briefe wiederum werden zur Lektüre von Luisa Rey. Ein Buchmanuskript über ihren Fall soll von Cavendish verlegt werden, dessen verfilmte Geschichte auf Sonmis Medienabspieler landet. Ihr Verhör schließlich ist eine wichtige Aufzeichnung aus der Vergangenheit vor der atomaren Katastrophe, welche die Precious, wie sich die Überlebenden nennen, aufbewahrt haben.

Als weitere Überschneidung teilen sich einige Charaktere ein kometenförmiges Muttermal an der Schulter und tragen Erinnerungen an Ereignisse der anderen Figuren in sich. Gleichzeitig wird immer wieder – wenn auch mit unterschiedlichen Bedeutungen – das Bild des titelgebenden Wolkenatlas bemüht. Ganz im Stil der Postmoderne ist das einzige Werk von Robert Frobisher sein Wolkenatlas-Sextet, welches den Aufbau des Roman als Musikstück wiederspiegelt.

Als über allem liegendes Thema kristallisiert sich so ein Konzept der Seelenwanderung heraus; wird sich mit Formen der Wiedergeburt beschäftigt. Das passiert nicht als zentrales Element, wird jedoch wiederholt angesprochen. Einen Rahmen bilden dabei die Riten und Vorstellungen der Südseevölker. In der ersten Episode entdeckt Adam Ewing auf den Chathaminseln in einem Vulkankrater das Heiligtum der Eingeborenen (in Bäume eingeritzte Bilder der Verstorbenen) und rettet danach einen gefüchteten Sklaven. Ein paar Jahrhunderte später wiederholt sich diese Handlung auf Hawaii, wie um einen Rahmen zu bilden und zu sagen: Nach vielen Jahren der menschlichen Entwicklung gibt es immer noch Sklaverei, doch auch der Glaube an die Seelenwanderung ist erhalten geblieben, und die verschlungenen Pfade des Buches beweisen seine Korrektheit.

Wie bereits erwähnt haben die einzelnen Buchepisoden nur wenige Berührungspunkte und können auch einzeln für sich betrachtet werden. Ich fand vor allem die verwendeten Sprachstile sehr spannend; gerade in den beiden in der Zukunft spielenden Handlungen. Die Sonmi-Episode nimmt sich viele Anleihen an Klassikern des Science-Fiction-Genres. Die Konzernokratie als eines der großen Weltreiche, gebaut auf Konsum und Überwachung und geleitet von einem großen Führer, erinnert stark an 1984 mit asiatischen Einflüssen. Der Kreislauf der Klone, die am Ende ihres Lebenszyklus zu ihrer eigenen Nahrung verarbeitet werden, ist natürlich eine Referenz auf Soylent Green, womit an anderer Stelle im Buch sogar kokettiert wird.

Was mir außerordentlich gut gefallen hat ist die Sprache, welche Bezeichnungen für Dinge des täglichen Lebens gegen bekannte Markenhersteller ausgetauscht hat, ganz im Sinne des Neusprech aus 1984. Schuhe heißen so Nike, Handys werden als Sonys bezeichnet und Kameras als Nikons. Das sagt mehr über die nicht näher beleuchtete Entwicklung der Konzernokratie aus, die aus einer staatlich gesteuerten Monopolisierung (ähnlich der russischen Oligarchie) hervor gegangen zu sein scheint, als eine Aufarbeitung der Historie.

Sehr befremdlich, aber ähnlich faszinierend präsentiert sich die Sprache auf Hawaii nach der Atomkatastrophe. Sie zeugt von einem kleinen Wortschatz, bei dem es ähnliche Ersetzungen wie in der Sonmi-Episode gegeben hat, jedoch aus einer ganz anderen Perspektive. Das Volk von Zachary hat entweder absichtlich oder als Folge der atomaren Katastrophe sämtliche Erinnerungen an die Errungenschaften der Menschheit vor der Apokalypse über Bord geworfen und steht diesen mit Unverständnis gegenüber. So heißt jegliche Technik einfach Clever, Eigenschaften werden mit boah gesteigert und viele Wörter wie Wahr für Wahrheit wurden einfach abgekürzt.

Aber nicht jeder Handlungsstrang hat mich gleichermaßen angezogen. Die Notar-Episode war mir rein inhaltlich zu dünn und abgegriffen, und die Luisa Rey Story hat (absichtlich?) Schwächen wie die Charakterzeichnung und das nicht enden wollende Finale, bei dem sich immer wieder neue Chancen für die Reporerin auftun, ein Beweisstück zu finden und Luisa gefühlt einer handvoll Anschläge auf ihr Leben glücklich entgeht.

Die drei Regisseure des Verfilmung hatten sich also viel vorgenommen, dieses facettenreiche Buch für die Leinwand zu adaptieren. Da scheint die Entscheidung nur folgerichtig, die einzelnen Episoden unter ihnen aufzuteilen und so deren stilistische Unterschiede stärker hervorzuheben. Schließlich sind charakteristische Merkmale der einzelnen Episoden wie die Brief- oder Tagebuchform umgesetzt in Szenen nur schwer auszumachen. Als Analogie zu den Sprachstilen wurden sechs verschiedene Filmgenres ausgewählt und zum Glück die Sprachfeinheiten beibehalten.

Die Grundstruktur der parabelförmigen Anordnung der Handlungsfäden wurde jedoch aufgegeben. Der Film springt zwischen seinen Geschichten hin und her, was gerade im Mittelteil zu einem Problem wird. Im Gegensatz zu normalen Storybögen liegt der Gipfel der Dramatik aufgrund der Cliffhanger im Buch in der Mitte der Episoden. Durch die Überlänge des Films wird nach anderthalb Stunden dieser Punkt erreicht, an dem ich das Gefühl hatte, kurz vor dem Ende zu stehen – obwohl noch einmal anderthalb Stunden auf selbiges warten sollte.

Zumindest bei der Sonmi-Episode hätte dieses Gefühl verhindert werden können, denn diese wurde massiv umgeschrieben (an anderen Stelle fehlen nur kleinere Abschnitte). Die Anzahl an Handlungsorten wurde zusammengestrichen und so der Episode ein großer Teil ihrer Faszination geraubt. Von dem kritischen Blick auf eine ökonomische Diktatur bleibt nicht viel mehr übrig als ein Überwachungsstaat, dabei bietet allein diese Episode genug Stoff für einen eigenen Film.

Mehr gestört hat mich aber, wie die Grundidee der Seelenwanderung abgewandelt wurde. Im Buch finden sich nur wenige Anzeichen, welcher Charakter in welcher Figur wiedergeboren wurde. Der Film unterstellt mit seiner Auswahl an Schauspielern für einzelne Rollen (als Highlights Hugh Grant in der Rolle eines Südsee-Kannibalen und Hugo Weaving als Schwester Noakes) eine viel umgreifendere Verbundenheit fast aller Akteure, wobei für mich keine wiederkehrenden Figurenkonstellationen erkennbar waren und damit kein System. Den Untertitel “alles ist verbunden” kann ich so nicht nachvollziehen, da mir ein Zweck oder ein Sinn jenseits von “Du wirst wiedergeboren” fehlt. Da ist das Buch deutlich eleganter.

Fazit: Der Wolkenatlas ist ein faszinierendes Buch mit einer interessanten Struktur, reich an Geschichten und Gedankengängen. Der Film kann da nicht ganz mithalten, zu viel wurde bei der Adaption des Drehbuchs geopfert. Ich bewundere den Mut der drei Regisseure, diese ambitionierte Projekt gestemmt zu haben, aber am Ende ist ”nur” ein weiterer Episodenfilm herausgekommen, der leider die Grundidee des Buches verwässert.

Paulette

Frankreich (2012)
Regie: Jérôme Enrico
Darsteller: Bernadette Lafont (Paulette), Carmen Maura (Maria), Dominique Lavanant (Lucienne), Françoise Bertin (Renée), André Penvern (Walter), Ismaël Dramé (Léo), Jean-Baptiste Anoumon (Ousmane), Axelle Laffont (Agnès), Paco Boublard (Vito) und andere Drogendealer

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Die Achtzigjährige Paulette hat ein glückliches Leben hinter sich. Mit ihrem Mann führte sie eine erfolgreiche Pâtisserie, verbrachte die Urlaube mit der gemeinsamen Tochter an der See. Doch nach dem Tod des Mannes ging alles den Bach hinunter. Sie musste ihren kleinen Laden an Chinesen verkaufen und lebt nun von der Mindestrente in einem Problembezirk von Paris. Zu allem Überfluss hat ihre Tochter auch noch einen Schwarzen geheiratet – in Paulettes Augen sind die Ausländer das Problem allen – und im Speziellen ihres – Übels.

Als ihre Wohnungseinrichtung aufgrund von Mietrückständen gepfändet wird, ergreift Paulette die Initiative. Von ihrem Schwiegersohn bei der Drogenfahndung hat sie erfahren, dass mit Drogenhandel gutes Geld zu verdienen ist. Als per Zufall ein Päckchen Hasch in ihren Händen landet, macht sie dem örtlichen Drogenboss das Angebot, es für ihn zu verticken…

Schwarze Komödien sind eigentlich nicht typisch französisch, sondern eine Spezialität der britischen Nachbarn. Doch womit Paulettes verbittertes Mundwerk unentwegt um sich schießt, das ist bitterböse. Ihren Neffen nennt sie das Negerlein, den “Schlitzaugen” schiebt sie Kakerlaken unter und der dunkelhäutige Pfarrer, bei dem sie regelmäßig beichtet, “hätte eigentlich verdient, ein Weißer zu sein”.

Das Drehbuch verfrachtet diese erzkonservative Frau nicht nur in ein Banlieue, wo sie fast ausschließlich von den verhassten Ausländern umgeben ist, sondern auch noch in die Rolle einer Drogendealerin. Diese Ausgangsbasis wird nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet, von den ersten Versuchen der Drogenoma, das Haschisch zu portionieren und an den Junkie zu bringen, über die Auseinandersetzung mit den Platzhirschen im Viertel (eine Jugendgang) und den Wechsel auf Spacecakes als die gefahrlosere und gewinnbringendere Form des Drogenhandels. Zu der Konstruiertheit des Drehbuchs gehört weiterhin ein Schwiegersohn bei der Drogenpolizei, von dem sich Paulette anfangs noch Informationen zum Handwerk geben lässt und der gerne einmal mit seinem zwergenhaften Kollegen in ihrer Wohnung auftaucht, an dessen Tür die Kunden bald Schlange stehen.

Obwohl Paulette durchaus Probleme wie Altersarmut, der Banlieues und des Drogenhandels (bis hin zum Schulhof) anspricht, will er doch niemals richtig weh tun oder gar die Ursachen und Auswirkungen näher beleuchten. Die Drogen sind ausschließlich weich und ihr Konsum hat höchstens lustige Folgen, die Drogenabhängigen sind harmlose Kiffer und ihre Dealer kleine Jungs, die nur ein wenig Essen benötigen. Hinter all den harten Worten versteckt sich eine Komödie klassischen Zuschnitts mit einem fantastisch-verträumten Ende, welches ausschließlich die Probleme von Paulette löst – die restlichen Konflikte lösen sich quasi in Luft auf.

Was den Film sehenswert macht ist also sein konsequent bitterböser Humor (auch nach ihrer Wandlung nennt Paulette ihren Enkel “kleine Buschtrommel”) und wie er das Genre des Drogenfilms persifliert. Da gibt es zum Beispiel eine Szene, wo Paulette ihre jugendlichen Dealer-Konkurrenten an den Tisch bittet und mit Spacecakes zu einer Zusammenarbeit überredet. Dabei wandert die Kamera hinter den Rücken der Protagonisten um den Tisch herum, genau wie in Reservoir Dogs. Es sind diese unvermuteten kleinen Details und Referenzen, die am Ende aus Paulette mehr machen als nur den nächsten Komödienhit aus Frankreich.