Klettern am Ufer

Als ich heute in der Zeitung las, dass in Halle die Porphyrfelsen am Riveufer für Klettertouren entlang zweier Routen freigegeben werden, da wurde ich spontan an meinen Australienurlaub vor einem Jahr erinnert. In Brisbane gibt es entlang des Brisbane River nämlich nicht nur ein Freibad, einen Botanischen Garten und schöne Parkanlagen, sondern auch Kletterfelsen direkt in der Innenstadt, die nachts besonders schön angeleuchtet werden:

Ich war überrascht, wie stark das Angebot selbst in der glühenden Mittagshitze angenommen wurde. Eine Stadt, die solch ein Angebot für ihre Bewohner und Touristen bereithält, ist in meiner Wahrnehmung gleich ein Stück lebenswerter. Deshalb freut es mich, dass so etwas nun in Halle möglich ist und hoffe auf weitere positive Impulse dieser Art.

Project1709 oder wie Canon den nächsten Trend verschläft

Dass bei Canon die Mühlen etwas langsamer mahlen, hat der japanische Konzern bereits bewiesen, als er letztes Jahr als letzter der großen Digitalkamerahersteller eine spiegellose Systemkamera vorstellte. Mit ihrem Project1709 setzt die Firma diese Taktik fort, frei nach dem Motto “gut Ding will Weile haben”.

Denn bereits am 17.09. hat Canon über eine Pressemitteilung ihren neuen Online-Bildverwaltungsdienst im Stile von Flickr vorgestellt. Der natürlich marketingwirksam als cloud-basiert beschriebene Service soll dieses Jahr starten, doch schon kurz nach der Ankündigung konnten freiwillige Nutzer an einer Beta-Phase teilnehmen und den Feinschliff der Plattform mitgestalten.

Da ich ohnehin auf der Suche nach einer Speicherlösung für die Fotos meines Blogs war und das Projekt in Deutschland startete, habe ich mich Ende September um eine Einladung für die Testphase bemüht. Dabei wurde ich zum ersten Mal überrascht, denn die Verzahnung mit den Social Networks ist so stark, dass ich mich nur als Nutzer von Facebook, Yahoo, Google oder Windows Live anmelden konnte. Nicknames sind neuerdings ebenfalls tabu, aber zum Glück überprüft (noch) niemand den angegebenen Namen.

Nach nur zehn Tagen bekam ich dann auch schon die Bestätigung meiner Anfrage, in der ich vertröstet wurde, dass Einladungen nach dem first-come-first-serve-Prinzip vergeben werden. Es sollten danach noch einige entschuldigende Mails folgen, bis ich Ende November endlich einen Account eröffnen konnte. Voller Spannung loggte ich mich in die Plattform ein, doch der Aufregung folgte schnell die Ernüchterung: Project1709 hatte zu diesem Zeitpunkt einen Funktionsumfang, den ich nur spartanisch nennen kann.

Ich konnte Fotos hochladen, die danach in einer Timeline angezeigt wurden (die Sortierung per Album folgte erst später). Ich konnte diese filtern, um schnell ein Bild in meiner Sammlung zu suchen. Und ich konnte Bilder mit Facebook synchronisieren. Da ich kein Facebook-Mitglied bin, war diese Funktion nutzlos für mich. Und außer über Facebook gab es keine Möglichkeit, an die eigenen Bilder zu gelangen, ohne sich einzuloggen (inzwischen gibt es eine Flickr-Synchronisation).

Seit diesem ersten Test habe ich mich kein weiteres Mal in Project1709 eingeloggt. Ich verfolge zwar die Newsletter und habe auch einen Vorschlag eingereicht, die Bilder ohne Login verfügbar zu machen, doch die Entwicklung der Plattform schreitet sehr gemächlich voran und konzentriert sich vor allem auf die interne Verwaltung der Bilder.

Ich lese aus dieser Entwicklung heraus, dass Canon Project1709 vor allem als Backup-Lösung bzw Online-Portfolio-Dienst für professionelle Fotografen vermarkten will. Ich benötige leider etwas anderes. Und vor allem glaube ich nicht, dass Canon Erfolg mit diesem Produkt haben wird, wenn es weiter so gemächlich daran arbeitet. In dem halben Jahr seit meiner Anmeldung haben die meisten der Cloud-Foto-Dienste deutlich mehr Funktionen umgesetzt als Project1709 – und die Plattform ist noch nicht einmal offiziell online (deshalb verstehe ich auch nicht, weshalb Rollouts teilweise Ausfallzeiten von 3 Stunden nach sich ziehen – noch nie etwas von Continuous Delivery gehört?). Im Web 2.0 hat Project1709 ohne Alleinstellungsmerkmale keine Chance, und wenn Canon auch noch Geld für die Nutzung verlangen will, dann sollte es vorher vielleicht einmal Konkurrenten wie 500px anschauen. Ich begebe mich auf jeden Fall neu auf die Suche nach einer Möglichkeit, meine Bilder im Netz abzulegen und andere darauf zugreifen zu lassen.

Iron Man 3

USA (2013)
Regie: Shane Black
Darsteller: Robert Downey Jr. (Tony Stark), Guy Pearce (Aldrich Killian), Gwyneth Paltrow (Pepper Potts), Rebecca Hall (Maya Hansen), Jon Favreau (Happy Hogan), Ben Kingsley (Mandarin), Don Cheadle (James Rhodes) und eine Armee von Eisenmännern

Tony Stark leidet nach dem Kampf gegen die Außerirdischen in The Avengers an ihm vorher unbekannten Panikattacken und Schlaflosigkeit. Da kommt ihm das Rätsel um den Mandarin gerade recht, der die Welt mit Anschlägen terrorisiert, bei denen anscheinend keine Bomben zu Einsatz kommen. Gewohnt offensiv lädt er den Mandarin zu sich nach Hause ein, um sich mit ihm zu messen. Doch die Idee geht nach hinten los und ehe Tony Stark sich versieht ist seine Villa und vor allem sein Labor mit den Iron-Man-Anzügen zerstört und er muss den Kampf vorerst ohne seinen Panzer austragen…

Da sind wir nun beim inzwischen vierten Iron-Man-Film (zählt man The Avengers dazu) in nur fünf Jahren angelangt, der wie seine Vorgänger, auf die er direkt Bezug nimmt, keinen Untertitel trägt. Dieser Seriencharakter stört mich etwas, denn so bleibt das Gefühl zurück, dass Teil 3 nur ein weiteres Kettenteil ist, dem sowohl Selbständigkeit als auch eigener Anfang wie Ende abgeht. Ich kann jetzt schon nicht mehr die Plots der ersten beiden Filme auseinander halten, und das ist sehr schade, denn Kino kann so viel mehr bieten als Konformität.

Passend dazu gibt es innerhalb des Films keine wahrnehmbare Charakterentwicklung. Der angebliche Konflikt um Tony Starks Angstzustände wird kurz vorm Finale beiläufig beiseite gewischt, das als Mut verkaufte Ende wird gar nicht erst begründet und der Rahmen des Films, ein Rückblick von Tony Stark auf die Ereignisse, will nicht so recht zum Inhalt passen – nachdem zwei Stunden lang nicht darauf zurückgegriffen wurde, hatte ich den Einstieg sogar schon wieder vergessen.

Und wenn ich schon bei den Charakteren bin – die Rolle von Rebecca Hall ist ebenso verschenkt wie der Handlungsrahmen. 12 Jahre lang hat sie nicht mit Stark geredet, um ihr Problem gelöst zu bekommen, doch dann steht sie ausgerechnet vor seiner Tür, als ihr Verbündeter Starks Villa angreift und begibt sich damit in Lebensgefahr. Das darauf folgende Chaos ist, so schließe ich aus einigen Dialogen, nicht in dieser Form gewollt, so dass ihr Charakter bis zum Ende des Films (und ihrer Figur) untertauchen muss, um diese Drehbuchschwäche nicht zu offensichtlich zu machen. Solche unverständlichen Umwege geht das Drehbuch auf seiner unablässigen Hatz nach Situationen für einen Oneliner oder einer weiteren Actionsequenz. Die von Stark einmal gestellte Frage “und glaubst Du das?” ist somit aus Sicht des Zuschauers mit einem klaren Nein zu beantworten.

Ähnlich ärgerlich weil primitiv ist der Endkampf. Während des gesamten Films hat Tony Stark immer genau die Anzahl an Anzügen zur Verfügung, die er gerade benötigt, um seinem Gegner je nach Situation unter- oder überlegen zu sein. Am Ende zaubert er gar eine ganze Armee aus den Hut. Tony Stark ist nicht der geniale Mechaniker, als den ihn der Film verkaufen möchte, sondern ein billiger Taschenspieler.

Ein positiver Aspekt des Drehbuchs sind dagegen die gut funktionierenden Nebenfiguren wie der von Ben Kingsley mit viel komödiantischem Talent gespielte Schauspieler hinter dem Mandarin oder der übereifrige Sicherheitschef (der Regisseur der ersten beiden Teile, Jon Favreau) mit einem Herz für Downton Abbey.

Und für mich sehr erstaunlich war der sensibel eingesetzte 3D-Effekt. Keine Popups, keine nicht nachvollziehbaren schnellen Bewegungen oder Schnitte, sondern hauptsächlich riesige Kulissen dominieren das Bild, bei denen die Tiefenwirkung besonders gut zur Geltung kommt. Hervorzuheben sei dabei der Sturz aus der Air Force One vor der Küste von Florida oder der finale Kampf in einem Containerhafen, bei dem die gigantischen Proportionen besonders gut zur Geltung kommen.

Trotzdem lohnt es sich nicht, die 3D-Fassung anzuschauen. Den guten Szenen stehen weite Teile des Films gegenüber, in denen von der Tiefenwirkung nichts zu merken ist, während einige wenige Szenen sehr künstlich aussehen, sei es weil die Menschen plötzlich einen metallenen Schimmer haben oder die 3D-Ebenen wie Ebenen aussehen und nicht die Tiefe ausstrahlen, die das Auge erwarten würde.

So ist Iron Man 3 ein weiterer mittelmäßiger Film aus dem gigantischen Marvel-Cinematic-Universe-Projekt, der zwar wie die bisherigen Iron-Man-Teile von dem Humor der Asperger-Hauptfigur und viel gut inszenierter Action lebt, aber unter seinem Seriencharakter und den Untiefen des Drehbuchs leidet.

More than honey

Deutschland/Österreich/Schweiz (2012)
Regie: Markus Imhoof

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Als vor einem Jahr ein Kollege auf die Idee kam, mitten in Berlin seinen eigenen Honig zu produzieren, da war ich weniger an den dazu nötigen Bienen als an ihrem süßen Produkt interessiert. Genauer gesagt wusste ich nicht viel mehr über Bienen als dass sie in Schwärmen leben. Das hat sich durch die Beschäftigung mit dem Imkern inzwischen geändert, und More than honey hat dem viele interessante Aspekte hinzugefügt. Da er gerade den Deutschen Filmpreis als beste Dokumentation gewonnen hat, schiebe ich mit einem halben Jahr Verspätung diese Kritik nach.

Der Filmer Markus Imhoof ist durch seine Familie Bienen-vorbelastet. Sein Großvater beherbergte als Obstbauer eine große Menge Völker in einem eigens dafür errichteten Haus und kümmerte sich selbst um die Bienenzucht. Imhoofs Tochter wiederum forscht in Australien an Bienenrassen, die immun gegenüber dem aktuell grassierenden Bienensterben auf der Welt sein sollen. Damit hatte Imhoof genügend Vorwissen, um sich auf eine Reise um die Welt zu machen und sich dem Thema von verschiedenen Seiten zu nähern.

Dabei zeigt er neben dem ursprünglichen Leben der wilden Bienen als faszinierend komplexes Kollektiv auch verschiedene Formen der modernen Bienenwirtschaft. Diese reichen von Königinnenzüchtern bis zur kapitalistisch-industriellen Massenhaltung in den USA und der kommunistischen Absurdität in China, wo Menschen die Aufgaben der dank Pestiziden ausgerotteten Bienen übernehmen und in mühevoller Kleinstarbeit die Pollen von den Blüten sammeln und anderswo handbestäuben.

Doch nicht überall leben Biene und Mensch in einer funktionierenden Beziehung nebeneinander. Die sogenannten Killerbienen, die sich gerade über Mittelamerika bis in die USA ausbreiten, sind eine Zuchtrasse, die neben der Immunität gegenüber den meisten Seuchen auch eine Aggressivität mitbringt, welche sie zu einer Gefahr für den Menschen macht. Ob dies der einzige Weg für die Bienen ist, ihrem Aussterben zu entgehen, dass kann More than honey natürlich nicht beantworten. Der Film zeichnet aber ein gutes Bild von dem komplexen Geflecht der Natur, in welchem Mensch und Biene über die Jahrtausende eine gegenseitige Abhängigkeit entwickelt haben, und von den vielen Einflussfaktoren, die vielleicht das Ende der Bienen bedeuten können.

Neben der Auseinandersetzung mit der Thematik der aussterbenden Bienen hat sich die Filmcrew vor allem mit der Visualisierung der Tiere beschäftigt. So gibt es tolle Aufnahmen aus Bienenstöcken und vom Flug der Königin, allerdings waren andere Bilder wie die Verfolgung der Bienen im Flug sehr irritierend für mich, da sie mit 300 Bildern pro Sekunde aufgenommen und dann in 24fps, also wie in Zeitlupe, abgespielt wurden.

Alles in allem ist der Film aber optisch sehr gelungen (fast scheue ich mich, von einer Dokumentation zu sprechen) und zudem sehr informativ. Imhoof vermittelt immer genügend Grundwissen, so dass auch Zuschauer ohne Vorbildung in Sachen Bienen den verschiedenen angesprochenen Problemfeldern folgen können. Ich lehne mich einmal weit aus dem Fenster und behaupte, dass noch kein Film die Biene so umfassend behandelt hat – der Hobbyimker in mir spricht also eine klare Empfehlung aus!

Sightseers

UK (2012)
Regie: Ben Wheatley
Darsteller: Alice Lowe (Tina), Steve Oram (Chris), Eileen Davies (Carol) und viele Leichen auf dem Weg

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Chris ist nicht gerade der begehrteste Mann auf der Welt. Er ist arbeitslos, hält nicht viel von Frauen außer im Bett und am Herd und seine Vorstellung von Urlaub beinhaltet Straßenbahn- und Bleistiftmuseen und viele Höhlen. Für die Mittdreißigerin Tina ist er trotzdem die Befreiung von der Mutter, die nach dem Tod ihres Hundes noch schlechter auf die eigene Tochter zu sprechen ist, und die Aussicht auf sexuelle Abenteuer. So fahren die beiden mit Chris Wohnwagen in einen Urlaub auf der heimatlichen britischen Insel.

Dabei lernt Tina auch die Schattenseiten ihres Freundes kennen. Denn dieser ist etwas jähzornig und bringt gern alle um, die ihm nicht gefallen: Sei es der Museumsbesucher, der seine Abfälle in die Gegend schmeißt oder der Wohnwagenkollege Ian, der alles das, was Chris schon immer tun wollte, bereits viel besser gemacht hat. Doch womit Chris nicht gerechnet hat ist die Reaktion seiner neuen Freundin: Tinas lange angestauter Frust hat endlich ein Ventil gefunden und so steigt sie fleißig ein beim serienmorden…

Sightseers ist eine klassische schwarze Komödie, die zwar im Gegensatz zu Four Lions und The Guard nicht politisch sein will, aber trotzdem Grenzen auslotet. Denn die sich häufenden Morde des Duos werden zwar motiviert, aber wenig überzeugend, da die beiden Charaktere (gespielt von den Drehbuchautoren) nicht als Identifikationsfiguren aufgebaut werden sondern als schrullige Einzelgänger, die das Schicksal zusammengebracht hat.

So lebt dieser etwas andere Roadmovie hauptsächlich von der Dynamik der eskalierenden Situation. Gerade die sich ansammelnden “Souvenire” der Morde sorgen immer wieder für komische Situationen. Passend dazu sind die Reisestationen wie das Bleistiftmuseum, obwohl real, in ihrer Zusammenstellung sehr skuril. Als Ausgleich für diese Irrwitzigkeiten erweckt der Soundtrack um 80er-Jahre-Klassiker wie Tainted Love wiederholt den Eindruck, hier sei nur ein verliebtes Pärchen auf ihrer ersten Urlaubsreise unterwegs, bis es wieder zu einer überspitzten Situation mit Todesfolge kommt.

Am Ende steuert die Handlung auf ein “Join me in death”-Finale zu und setzt damit einen passenden Schlusspunkt unter einen kurzweiligen Film, der mit erfrischend schwarzen Humor in bester englischer Tradition überzeugt.

Incendies – Die Frau die singt

Incendies ist ein teilweise sehr bedrückender Film über den Nahostkonflikt, der seinem Thema erstaunlich viele Facetten abgewinnt und doch unter dem für meinen Geschmack überkonstruierten Plot der Vorlage leidet. Mir sind vor allem zwei Szenen im Gedächtnis haften geblieben, die auch nach Filmende noch in meinem Kopf weiterarbeiteten.

Das eine ist das humanistische Ende der Geschichte. Die Mutter hat ebenso wie der Sohn viel verloren im Konflikt und beide haben zugleich an dessen anhaltender Verschärfung mitgewirkt. Und doch vergibt sie ihrem Sohn am Ende, hält das Versprechen, ihn immer zu lieben, und geht damit den einzig möglichen Weg, diese schon so lange anhaltende Gewaltspirale zu durchbrechen: Den Weg der Versöhnung und der Vergebung der gegenseitig angetanen Taten.

Die zweite Szene ist die Unterhaltung zwischen zwei Notaren, die im Scherz meinen, dass es den Nahostkonflikt nicht geben würde, wenn es ihren Berufsstand schon vor zweitausend Jahren gegeben hätte. Dann gäbe es nämlich eine rechtskräftige Besitzurkunde für die umstrittenen Gebiete und ein Wegerecht für die anderen Parteien und niemand müsste sich streiten. So unrealistisch diese Idee im Spiegel aller Kriege der letzten zwei Jahrtausende ist, so hat sie doch einen wahren Kern: Warum können die streitenden Parteien nicht gemeinsam ihre heiligen Plätze nutzen, anstatt auf die alleinige Nutzung zu pochen?

Aber genau diese Themen spricht Incendies quasi im Vorbeigehen mit an, und das ist die Stärke des Films. Durch die Perspektiven von innen (Mutter Nawal) wie von außen (ihre in Kanada aufgewachsenen Kinder Jeanne und Simon) werden die Auswirkungen und Auswüchse des Konflikts gezeigt und in Hinblick auf das Ende bewusst eine eindeutige Position vermieden. Ich freue mich über jeden Film, der so nachwirkt!

The Long Earth

von Terry Pratchett & Stephen Baxter,
erschienen bei Doubleday, ISBN 978-0-857-52010-4, 13,99£

Schon seit den ersten Leseerfahrungen mit Jules Verne bin ich ein Fan der fantastischen Abenteuerliteratur. Später war es Stanislaw Lem, der seine Figuren (und mich) mit dem Unbekannten konfrontierte. Heutzutage sind solche Utopien selten geworden; an ihre Stelle sind Dystopien und Kriegsfantasien getreten. Da bin ich über jedes Buch erfreut, das mich in eine fremde Welt eintauchen und sie erkunden lässt.

The Long Earth ist so ein Buch. Dessen Welt ist anfangs noch Madison, Wisconsin. Doch dann veröffentlicht ein Wissenschaftler im Internet eine Anleitung für ein Gerät, mit dessen Hilfe (fast) jeder Mensch in der Lage ist, in Parallelwelten zu springen (zu steppen). Plötzlich ist die gesamte Menschheit befreit von den physischen Fesseln, die die eigene Existenz an ein Land, eine Heimat band. Es gibt so viele Parallelwelten, dass theoretisch jeder Mensch sich eine eigene suchen kann. Und eines haben alle Welten gemeinsam – es haben sich dort keine Menschen entwickelt wie auf dem Datum Earth genannten Original.

Anfangs wird diese Geschichte aufgeteilt auf viele kleinere Handlungsstränge erzählt, die scheinbar nur den Step Day gemeinsam haben, wie der Tag genannt wird, an dem viele Menschen das Steppen zum ersten Mal ausprobiert haben. Ein wenig hat mich diese Erzählweise an Die Haarteppichknüpfer erinnert, nur dass sie in The Long Earth dazu dient, einen Einblick in die vielen Veränderungen zu geben, die das Steppen auf die Gesellschaft hat. So erfährt der Leser von den mehr oder weniger erfolgreichen Ansätzen einiger Staaten, ihren bisherigen Status Quo zu erhalten. Und dass Menschen, die nicht steppen können, die Behinderten der neuen Welt sind.

Doch sobald das Setting definiert ist, verengt sich die Handlung auf einen schmalen Strang um die Entdeckungsreise des von Natur aus sehr begabten Steppers Joshua mit dem Computer Lobsang, der sich selbst als Widergeburt eines tibetanischen Mönches bezeichnet und als einziges künstliches Wesen der Datum Earth in der Lage ist, eigenhändig zu steppen. Gemeinsam wollen sie die Grenzen der Parallelwelten ausloten und das Geheimnis lüften, warum es außer ihnen keine intelligenten Lebewesen in der Long Earth gibt.

Und los geht es mit einer Reise in das Unbekannte, auf der die beiden Abenteurer einige der Charaktere vom Anfang des Buches wiedertreffen werden. Dieser auf die Klassiker des Genres verweisende Trip – ist unsere Welt komplett entdeckt und ergründet, erfinde ich eben eine (oder viele) neue – ist deshalb so spannend und überzeugend, weil die Utopie nicht mit den erdachten Welten aufhört. Mich hat vor allem das durchdachte Vokabular rund um das Steppen überzeugt, dem das Buch einen Großteil seiner Glaubwürdigkeit verdankt.

Da sehe ich auch gerne über die eine oder andere Logiklücke hinweg: Wenn der Abstand zwischen zwei Welten genau ein anderer Zustand ist, dann sollten die Abweichungen zwischen zwei Welten absolut minimal sein und es nicht so große Unterschiede wie in der Long Earth geben. Was ich dem Buch aber nicht verzeihe sind zwei andere Aspekte.

Nummer Eins ist Lobsang. Eine derartig veraltete Beschreibung eines denkenden Computers habe ich lange nicht mehr lesen müssen. Fast allwissend und -mächtig lebt er im Buch doch von seiner menschlichen Eigenschaften: Er steht auf tibetischen Buddhismus, schaut sich gerne alte Filme mit Joshua an und ist in seinen Aktionen sehr wankelmütig und sprunghaft. So etwas habe ich in der Sci-Fi zu oft gesehen. Eine moderne Utopie auf Basis des aktuellen Wissens über artifizielles Lernen sollte kreativer sein oder den Sidekick von Joshua einfach zum Menschen – von mir aus auch Cyborg – machen, wenn er sich schon nicht anders verhält.

Mit dem zweiten Kritikpunkt komme ich zurück auf meine Erwartung an das Buch, die ich im ersten Absatz beschrieben habe: Ich wollte ein Abenteuerbuch lesen, eine Utopie, die nicht auf die momentan vorherrschenden Erzählmuster von Krieg und Terror als einzige Konfliktlösungsstrategien zurückfällt. Doch am Ende von Long Earth passiert leider genau das: Die Reise ins Unbekannte endet und auf der Datum Earth beginnt eine Art Krieg, der im zweiten Teil des Buches (The Long War) behandelt werden soll.

Ich werde mir ganz genau überlegen, ob ich auch diese Fortsetzung lesen werden. Zwar verbinde ich damit die Hoffnung, dass wie im ersten Teil die positiven und erhofften Inhalte überwiegen. Auf der anderen Seite habe ich kein Interesse, eine weitere Schilderung eines weiteren Krieges zu lesen. Ich will fantasievolle, kreative Lösungen für Probleme, keine Heroisierung oder Dämonisierung von Gewalt. Dafür benötige ich keinen Terry Pratchett, so etwas gibt es schon tausendfach.

Upstream color

Berlinale-Filmdatenblatt

“Die Gedanken sind frei” heißt es in einem deutschen Volkslied. Nicht jedoch bei Upstream Color, in welchem Maden in der Lage sind, einen Menschen so zu manipulieren, dass er alles tut und glaubt, was ihm gesagt wird. So muss die entführte Kris in ihrer Madenhypnose ihr komplettes Hab und Gut abtreten und ein Buch über zivilen Ungehorsam Seite für Seite abschreiben.

Als sie aus dieser Trance erwacht, hat sie das Gefühl, dass sich noch immer Maden in ihrem Körper bewegen. Hilfe findet sie bei einem Schweinezüchter, der sie in einer Operation von ihren Qualen befreit.

Doch auch körperlich wieder hergestellt ist sie nicht mehr die Alte; es fällt ihr schwer, ein neues Leben aufzubauen. Da trifft sie auf Jeff und die beiden stellen fest, dass ihre Leben über gemeinsame Erinnerungen verknüpft sind. Und nicht nur dass, auch mit den Schweinen des Schweinezüchters fühlen sie sich übernatürlich verbunden…

So wie sich die Inhaltsangabe nach einem wirren Fiebertraum anhört, dessen innere Logik sich sofort nach dem Aufwachen nicht mehr erschließt, so lässt sich auch dem Film wie einem Bewusstseinsstrom folgen, ohne zu verstehen, was da eigentlich genau abläuft. Wie die Madenhypnose mit den Schweinen zusammenhängt und wie diese ein Orchideenwachstum beeinflussen – ich kann es nicht sagen. Doch die Montage setzt dies in einen Zusammenhang, dem man auch ohne Verständnis folgen kann. Ich habe als Zuschauer nur die Wahl, die gezeigte Welt mit ihren unverständlichen Regeln zu akzeptieren oder an dem Film zu verzweifeln

So zurückhaltend der Film mit erklärenden Informationen umgeht, so minimalistisch zeigt er sich auch in den Dialogen. Viel spielt sich in den Gesichtern der beiden Hauptdarsteller ab, die meist in Nahaufnahmen zu sehen sind, bei denen dank extremer Tiefen(un)schärfe der Rest des Bildes in Unschärfe versinkt. Dies alles verstärkt den Eindruck eines Traumes; aus dem Meer der verschwommenen Erinnerungen treten Szenen wie einzelne Ereignisse hervor an die Oberfläche der Leinwand.

Regisseur Shane Carruth hat mit seinem kleinen Film auf jeden Fall geschafft, was nur wenigen Kreativen in der Filmwirtschaft möglich ist: Er hat die vollständige künstlerische Kontrolle über sein Projekt ausgeübt. Neben Drehbuch und Regie war er gleichzeitig auch für Kamera und die zurückhaltende, aber zeitweilig intensive Filmmusik verantwortlich und übernahm zudem eine der beiden Hauptrollen.

Allein dafür sollte man Shane Carruth Anerkennung zollen. Nur leider habe ich mir bis heute keinen Reim auf das Gesehene machen können, so dass ich hin- und hergerissen bin, ob mir der Film aufgrund seiner Stimmung gefällt oder er mich mit seiner schweren Zugänglichkeit abstößt…

Hotel de Winter in Ludwigslust

Eigentlich bin ich ein Pixelpeeper. Meine DSLR habe ich mir zugelegt, um hochauflösende Bilder auch in kritischen Situationen zu schießen. Doch eine große Kamera nimmt auch viel Platz ein, und nicht immer will ich eine große Tasche mit mir herumschleppen.

So war es auch die letzten zwei Tage. Ich war auf einem Seminar in Ludwigslust und hatte anschließend noch einen abendlichen Termin in Berlin – mehr Gepäck als die kleine Reisetasche wollte ich nicht dabei haben. Also habe ich wie schon vor zwei Wochen am Liepnitzsee auf mein Handy zurückgegriffen, um die Kulisse des Seminars zu dokumentieren.

Das Handy ist, was die Bildqualität angeht, das komplette Gegenstück zu meiner DSLR. Kleiner Sensor, viel Rauschen, und eigentlich nur bei Sonnenlicht zu gebrauchen. Die gemachten Bilder sind, selbst wenn optimale Bedingungen herrschen, höchstens in kleineren Aufösungen (um 1000 Pixel Breite) zu gebrauchen. Für mein Blog ist dies jedoch gerade ausreichend.

Zudem habe ich die Handykamera nicht auf das Standard-3:2-Format eingestellt, sondern auf das bildschirmfüllende 16:9-Seitenverhältnis – als Fan der Panorama-Fotographie bin ich den breiten Bildformaten von Natur aus zugeneigt. So hatte ich die letzten Tage richtig Spaß, mit dieser ungewohnten Bildkomposition und der Festbrennweite zu experimentieren und herumzuspielen. Gerade das säulenartige Hochformat ist dabei sehr herausfordernd.

Mit meiner DSLR hätte ich ganz andere Bilder gemacht – u.a. von der Nachtwanderung durch Ludwigslust. Aber es hat mich überrascht, wieviel Freude ich an der Entdeckung meines Handy für die Fotographie hatte. Dies werden wohl nicht die letzten Bilder aus dieser Kamera sein!

The Master

USA (2012)
Regie: Paul Thomas Anderson
Darsteller: Joaquín Phoenix (Freddie Quell), Philip Seymour Hoffman (Lancaster Dodd), Amy Adams (Peggy Dodd), Laura Dern (Helen Sullivan) und andere Anhänger des Grundes

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Als Freddie Quell nach dem gewonnenen zweiten Weltkrieg aus dem Dienst der US Navy entlassen wird, weiß er nicht viel mit seinem Leben anzufangen. Seine Trinksucht und Schürzenjägerei führen dazu, dass er von einem Job in den nächsten stolpert, bis er fünf Jahre nach Kriegsende zufällig auf dem Schiff landet, auf dem Lancaster Dodd die Hochzeit seiner Tochter feiert.

Dodd ist der Autor eines Buches names The Cause, in welchem er die religiös-utopische Idee entwickelt hat, dass alle Probleme des Menschen in seinen vorherigen Inkarnationen begründet sind und darauf aufbauend über hypnotische Rückblicke in die Vergangenheit therapiert werden können. In Quell, einen Menschen voller Probleme, aufgegeben von der Gesellschaft, sieht er einen Schüler, den er den richtigen Weg weisen kann, und so nimmt er sich Freddy an.

Er führt Sitzungen mit ihm durch und nimmt ihn mit auf seinen Reisen. Irgenwie scheint Freddy ihn zu inspirieren, wenngleich jegliche Versuche scheitern, seinen Charakter zu bändigen. Aber auch Freddy ist von dem Master angezogen, voller Dankbarkeit, dass dieser bedingungslos zu ihm hält, obwohl Dodds Familie ihn bereits ob seiner Eskapaden abgeschrieben hat. Doch am Ende stellen sich Freddys Triebe als zu starke Belastung für die Beziehung zwischen den beiden starken und egomanischen Charakteren heraus…

Nach dem großartigen There will be blood war ich gespannt auf den neuen Film von Paul Thomas Anderson. Und bin ordentlich enttäuscht davon, was Anderson aus dem Duell zweier zu Hochform auflaufender Schauspieler – nicht zu vergessen Amy Adams als die Strippenzieherin hinter dem Charismatiker Dodd – am Ende gemacht hat. Der Film verweigert schlicht jegliche Entwicklung, sei es auf Handlungs- wie auf Charakterebene. Zudem hält er die Motivation seiner Figuren im Dunkeln und konzentriert sich stark, am Ende zu stark auf die gemeinsamen Szenen von Joaquín Phoenix und Philip Seymour Hoffman, die nur unterbrochen werden von den Ausbrüchen von Freddy Quell.

Am Ende der zweieinhalb Stunden ohne finalen Klimax ist es Freddy, der aufgrund der enttäuschten Erwartungen weiter in die Freiheit hinauszieht. Bis dahin bietet der im großformatigen 70mm gedrehte Film einige tolle Aufnahmen, allen voran die detailreichen Nahaufnahmen der Gesichter von Phoenix und Hoffman während ihrer Dialoge. Doch auch die eindrückliche Szene im Gefängnis, wo der aufgebrachte Quell die Toilette seiner Zelle zerlegt, während Dodd in seiner ganzen massiven Erscheinung seelenruhig danebensteht, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die ganze Zeit über immer nur dieselben Seiten der Charaktere zu sehen sind – und das allein trägt den Film nicht über die Zeit.

Irgendwann hatte ich mich einfach sattgesehen am Spiel der Schauspielgrößen, so dass mir die wenigen Szenen mit Amy Adams viel besser im Gedächtnis hängen geblieben sind, da sie dosiert eingesetzt wurden und nicht im Übermaß. Ich hätte mich gefreut über mehr Einblicke in die Charaktere wie in der Szene einer Dinnerparty, die zuerst aus Sicht von Dodd und danach in der Wahrnehmung von Quell dargestellt wird – wo alle Frauen plötzlich komplett nackt auftreten. Aber da der Film sich zu stark auf seine Schauspieler konzentriert und zu wenig auf das Erzählen einer Geschichte, erreicht er nicht die Qualität der vorherigen Werke von Paul Thomas Anderson.