Halbjahresendbeitrag

Bevor ich mich aufmache in Richtung Urlaub, Festival und hoffentlich auch Sommer noch kurz zwei Hinweise:

Am Samstag den 11. Juli bringt RTL zur bester Samstag-Abend-Sendezeit die deutsche Fassung von The colour of magic / The light fantastic. Beide Teile laufen direkt hintereinander und ich hoffe, dass die Synchro nicht so schlecht ist wie der Untertitel Die Reise des Zauberers es suggeriert.

Auf Telepolis gibt es eine lesenswerte Artikelserie (Teil 1, 2, 3) zum Thema Zensur und Jugendschutz. Wie (ungewollte) Zensur durch eine Behörde funktioniert (indem man den Zugang zu den Informationen über den Index verhindert) wird am Beispiel eines Horrorfilms aufgezeigt und die gesellschaftlichen Auswirkungen beleuchtet. Dabei wird deutlich, welche Gefahr die gerade abgesegnete Zensur des Internets für Deutschland darstellt.

Lyonel-Feininger-Ausstellung in der Stiftung Moritzburg

Manchmal wird man von den Eltern stärker und subtiler in seinem Geschmack geprägt, als man es glaubt. Bei mir geschah dies durch ein Plakat, mit dem mein Vater mein Kinderzimmer ausstattete, als ich vielleicht sechs, sieben Jahre alt war. Der Nachdruck eines Ölgemäldes zeigte mit wenigen klaren Linien und warmen Farben ein Segelschiff; der Name des Künstlers war Lyonel Feininger.

Nun muss man wissen, dass mein Vater am Bauhaus in Dessau gelernt hat und versteht so sein Interesse für die Künstler der Blaue Vier. Zudem trieb es ihn beruflich ausgerechnet nach Halle, also derjenigen Stadt, die in ihrer Blütezeit Lyonel Feininger beauftragte, eine Bilderserie zu erstellen und ihm dafür ein Atelier in der Moritzburg zur Verfügung stellte.

Das Land Sachsen-Anhalt hat nun einen verfallenen Flügel der Moritzburg zum Kunstmuseum ausgebaut und lockt aktuell mit einer Sonderausstellung über Feiningers Spätwerk nach der Vertreibung aus Deutschland. Das ließen sich mein Vater und ich natürlich nicht entgehen und haben uns zudem zum ersten Mal die Dauerausstellung (u.a. mit Feiningers Marktkirche) angesehen.

Das Museum selber beeindruckt vor allem durch seine Einbindung der mittelalterlichen Burgmauern in eine moderne Betonfassade. Darin präsentieren sich neben einigen Werken der Moderne von Feininger, Gustav Klimt, Edvard Munch und Franz Marc auch eine sehr breite Sammlung der Brücke-Künstler. Abgerundet wird der neue Teil des Museums durch eine von der Decke hängende Box mit Werken von 1945 bis in die Gegenwart, wobei eine Installation durch ihre ständig wiederholt von Videoband abgespielte Geräuschkulisse den Genuss der restlichen Ausstellungsstücke beeinträchtigte.

Im Nordflügel der Moritzburg mit seinem Aluminiumdach erwartete uns schließlich auf zwei Etagen die Feininger-Sonderausstellung. Den Hauptteil machen dabei Ölgemälde aus, wobei sich Feininger zwar auch seiner neuen, alten Heimat New York mit der Manhattan-Serie widmete, aber weiterhin seinen wiederholten Themen Segelschiffe und Strandlandschaften widmete. Auch seine thüringischen Dörfer und Kirchen finden sich in dieser letzten Schaffensphase, obwohl ihm die direkten Vorlagen ja fehlten. Doch Feininger lebte von seinen Aufzeichnungen und Skizzen, von denen einige ausgestellt sind und einen Einblick in den Arbeitsprozess des Künstlers erlauben.

Von einigen Motiven muss Feininger so besessen gewesen sein, dass er sie wieder und wieder malte. Immer in derselben Ansicht, aber in abgewandelten Stilen. So experimentierte er mit Holzschnitten und anderen Techniken und versuchte so, neue Perspektiven aus den Vorlagen zu gewinnen. Auch zu seinen Wurzeln, den Comicstrips und Karikaturen, findet Feininger in dieser Phase zurück; die Ausstellung zeigt also eine unglaubliche Breite im Schaffen des Künstlers und Bauhausprofessoren.

Wer also Interesse an den Werken Lyonel Feiningers hat, der sollte auf jeden Fall nach Halle kommen und sich die beeindruckende Zusammenstellung aus seinem Spätwerk ansehen, die tiefe Einblicke in dessen Arbeitsweise ermöglicht.

Abstraktion

Manchmal gibt es ganz unerwartete Parallelen im Leben, die einen überraschen. So hat mein Chef bei meinem Bewerbungsgespräch gesagt, dass er die Softwareentwicklung als einen kreativen Prozess betrachtet. Ich habe dem nicht widersprochen, sehe die Schwerpunkte jedoch eher im Verständnisprozess und handwerklichen Fähigkeiten. Nun wurde mir beim Besuch der Feininiger-Ausstellung klar, dass auch Künstler nach diesem Schema arbeiten und man diese Vorgehensweise also durchaus als kreativ bezeichnen kann.

Am Anfang stand bei Lyonel Feininger meist eine Skizze, mit Kohle oder Feder auf Papier festgehalten. Diese beinhaltete überraschend viele Details und vor allem auch verschiedene Ansichten seiner Motive. Während sein Bruder Bilder als Fotographien festhielt, lebte Lyonels Gedächtnis von seiner großen Anzahl an Skizzen, die ihm bis ins hohe Alter ermöglichten, die fernen thüringischen Dörfer zu malen.

Als zweiter Schritt folgten oft mit Tinte und Feder vereinfachte Versionen des Skizzen. Wenige, klare Linien reduzieren die Bilder auf das Wesentliche; großflächig aufgetragene Aquarellfarben unterstützen diese erste Abstraktion, auf dessen Basis verschiedene Vorlagen entstanden, von denen schließlich meist eine in einem Ölgemälde auf Leinwand mündete. Bei den Lithographie-Spätwerken wurde dieser Grundaufbau noch auf die Linien beschränkt, die maximal mögliche Abstraktion war erreicht.

Als ich vor kurzem von Kollegen befragt wurde wann man erkennt, wo eine Abstraktionsebene aufhört und die nächste beginnt, da wurde mir diese Parallele bewusst. Ich hatte nämlich keine passende Antwort parat, genausowenig wie Feininger wusste, wann er die Formen des Motivs weit genug reduziert hatte. Oft sieht man nicht sofort, wie man eine Funktionalität oder Code auseinanderziehen kann. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass man die atomare Grundform gefunden hat; andere Techniken und Sichtweisen können den Eindruck ändern. Bis dahin ist die gefundene Lösung aber meist ausreichend.

Das Vorgehen ist also einfach, ohne deterministisch zu sein: Man vereinfacht eine Funktion, indem man nach und nach von den Details abstrahiert, bis am Ende eine nur scheinbar einfache, aber leicht zu erfassende Struktur übrig bleibt. Notwendig ist dabei nur, die Technik der Abstrahierung zu beherrschen, so wie Feininger es auf zeichnerische Art tat, und sicherzustellen, dass nichts Wesentliches bei diesem Prozess verloren geht. Auf die Softwareentwicklung übertragen heißt dies: Testgetrieben vorgehen, um zu garantieren, dass eine einmal umgesetzte Funktion nicht beeinträchtigt wird!

Der Vorleser

USA (2008)
Regie: Stephen Daldry
Darsteller: Kate Winslet (Hanna Schmitz), David Kross / Ralph Fiennes (Michael Berg), Bruno Ganz (Professor Rohl), Karoline Herfurth (Marthe), Susanne Lothar (Carla Berg), Matthias Habich (Peter Berg), Burghart Klaußner (Richter), Lena Olin (Rose Mather / Ilana Mather), Alexandra Maria Lara (Ilana Mather), u.a.

Offizielle Homepage

Der Schüler Michael Berg aus bürgerlichen Verhältnissen lernt in den späten fünfziger Jahren die deutlich ältere Straßenbahn-Schaffnerin Hanna Schmitz kennen. Sie wird seine erste Liebe und zwischen den beiden entwickelt sich eine ungewöhnliche Beziehung: Vor dem Liebesspiel muss er ihr immer aus Büchern vorlesen, denn Hanna ist Analphabetin, was sie aber nie zugibt. Doch eines Tages ist sie plötzlich verschwunden und für Michael, zuvor von seiner geheimen Beziehung vollends in Beschlag genommen, beginnt ein scheinbar normales Leben, er nimmt ein Jurastudium auf.

Als er im Rahmen seines Studiums einen Kriegsverbrecherprozess besucht, muss er mit Erschrecken feststellen, dass auch Hanna auf der Anklagebank sitzt. Sie hat als Aufseherin eines KZ den Tod von mehreren hundert Juden mit zu verantworten und wird zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Während sie diese absitzt, schickt Michael ihr Tonbandaufnahmen der Bücher, die er ihr einst vorlies und ermöglicht Hanna so, das Lesen und Schreiben zu lernen, ohne dass sie ihre Schwäche öffentlich zugeben muss…

Verschiedene Themen kämpfen in Der Vorleser um die Vorherrschaft. Da ist zum Einen vordergründig die Liebesgeschichte, wobei Liebe vielleicht der falsche Ausdruck ist. Michael stößt sich nur zu gerne seine Hörner bei Hanna ab, doch schon bald merkt er, dass er seiner Bettgefährtin geistig überlegen ist. Liest er ihr anfangs noch Hochliteratur vor, so werden die Bücher mit der Zeit immer seichter, bis er schließlich bei Comics und Kinderbüchern ankommt. Doch in seinem jugendlichen Leitsinn merkt er nicht, wie sehr er abhängig von dem so erkauften Sex ist; die niemals erlernten Fähigkeiten zum Führen einer echten zwischenmenschlichen Beziehung werden ihm sein Leben lang Schwierigkeiten bereiten.

Dann ist da natürlich noch die Auseinandersetzung um Schuld und Sühne des deutschen Volkes im dritten Reich. Hanna wird zwar zeitweise mehr als Opfer denn als Täter dargestellt, aber so einfach macht es der Film dem Zuschauer nicht. Die fehlende Fähigkeit zum Lesen und Schreiben hat sie in die Arme der SS getrieben und dient somit als Ausrede – sie hat immer nur ihren Job erledigt. Doch gleichzeitig führt sie schließlich dazu, dass Hanna als Anführerin der sechs angeklagten Aufseherinnen verurteilt wird und so zumindest eine Strafe für ihre Taten absitzen muss. Ein individueller Grund, das Regime mitzutragen, führt zu einer individuellen Verurteilung. Und gegen Ende stellt Ilana Mather, die als einzige der Jüdinnen unter Hannas Aufsicht überlebt hat, klar, dass es keine noch so individuelle Entschuldigung gibt für die Greueltaten der Nazis.

Und damit eigentlich für das gesamte deutsche Volk, das beteiligt war am Genozid oder zumindest weggesehen hat. Jeder hatte seine ganz privaten Gründe, das System zu unterstützen; das deutsche Volk war die Basis des Nationalsozialismus. Dasselbe Volk, dass in den sechziger Jahren einen Prozess gegen sechs Frauen führt, weil es eine Überlebende gibt, die anklagen konnte. Da ist die Frage eines Kommilitonen von Michael berechtigt, ob dies nicht nur eine Scheingerechtigkeit ist und wie es ein Volk schaffen konnte, nach 1945 einfach weiterzumachen, als sei nichts passiert. Die Frage nach den Sünden der Väter der ersten Nachkriegsgeneration wird schließlich zu den 68er Studentenunruhen führen, doch dies zeigt der Film nicht mehr.

Vielmehr verfolgt Stephen Daldry weiter den Stil der Individualisierung der Probleme am Beispiel seiner Hauptfiguren. Er zeigt Hanna, wie sie im Gefängnis Lesen und Schreiben lernt und dann kurz vor ihrer Entlassung den Freitod wählt. Sie macht so den Weg frei für eine späte Sozialisation von Michael, dem sie nie schaden wollte, sondern auf gewisse Weise ausnutzte und aufgrund seines jungen Alters unbewusst formte. Ob Kate Winslet ausgerechnet für diese Rollen den Oscar verdiente mag ich nicht entscheiden, aber in ihrer Darstellung der sichtbar gealterten Hanna gibt sie ihrer Rolle genau die richtige Dosis Weiblichkeit um zu verstehen, dass Michael von ihr angezogen ist, während ihre spröde Art die Unsicherheit und Eitelkeit verstecken soll. Dabei blitzt immer wieder eine gewisse Intelligenz und Durchsetzungskraft hervor, die jedoch von den anderen Eigenschaften meist verdrängt wird.

Beeindruckt hat mich die Darstellung der fünfziger und sechziger Jahre, seien es die Kostüme oder Kulissen. Die Wohnung von Hanna, die im Gegensatz zum gutbetuchten bürgerlichen Haushalt von Michaels Eltern nur aus einem Raum mit Küchenecke, Badewanne und Bett besteht, wirkt ebenso authentisch wie die Darstellung von Michaels Studium mit Wohnheimen in der typischen deutschen Nachkriegsarchitektur und dem im Hörsaal rauchenden Professor (hervorragend: Bruno Ganz). Dagegen fällt negativ auf, dass alle Bücher und die Briefe zwischen Michael und Hanna auf englisch sind, obwohl die komplette Handlung in Deutschland spielt. Damit wird der gute Eindruck der Kulissen gleich wieder zerstört.

Fazit: Der Vorleser ist eine gut gespielte und ausgestattete Auseinandersetzung mit dem Thema Schuld und Sühne des deutschen Volkes, erzählt an Hand von individuellen Schicksalen. Die gut aus der Romanvorlage übernommenen Charakterbilder tragen den Film und so hinterlässt diese Mischung aus Zeitgeschichte und Beziehungsdrama einen bleibenden Eindruck.

Die Bücherdiebin

von Markus Zusak,
erschienen bei Blanvalet, ISBN 978-3-7645-0284-3, 19,95€

Ganz zum Schluss dieses Buches lässt Markus Zusak seinen Erzähler, den Tod, folgenden Satz sagen:

[...] wie ein und dieselbe Sache so hässlich und gleichzeitig so herrlich sein kann und ihre Worte und Geschichten so vernichtend und brilliant.

Und mit diesem Satz beschreibt er wiederum sein Buch sehr treffend. Ich habe lange nicht mehr so etwas schönes gelesen. Alles, was auf den fast 600 Seiten vorkommt, seien es Menschen, Gegenstände, Emotionen oder Gedanken, wird von Zusak verdinglicht und ermöglicht ihm somit, es in den buntesten Farben auszumalen und zu beschreiben. Da stolpern Wolken, glänzt die Furcht, flieht Gewicht, schmecken Räume und hat das Flüstern einen Namen. Die einfachen, aber so wunderschön beschreibenden Sätze machen das Lesen zu einem Erlebnis, ähnlich positiv wie es Amélie als Film getan hat.

Man könnte vor lauter schönen Bildern fast den Inhalt des Buches vergessen. Wie es den zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus aus der Perspektive eines Münchener Vorortes beschreibt. Der Leser erlebt zusammen mit der Hauptakteurin – einem kleinen Mädchen namens Liesel – Bücherverbrennungen, Judenverfolgung, Konzentrationslager, Bombenangriffe, Stalingradüberlebende und vor allem viel Tod. Da ist dieses personalisierte Ende jedes Menschen als Erzähler geradezu prädestiniert, denn niemand begegnet Liesel öfter. Schon zu Beginn der Geschichte, auf dem Weg zu ihren neuen Pflegeeltern, muss sie den Tod ihres jüngeren Bruders und den Verlust ihrer Mutter, einer Kommunistin, ertragen. Doch in diesem Buch ist jedes Ende auch ein Neuanfang, in diesem Fall von Liesels Karriere als titelgebende Bücherdiebin.

Auf dem Friedhof, neben dem Grab des Bruders, findet sie nämlich ein Buch, und dieses wird ihr Leben entscheidend beeinflussen. Erst wird es ihr helfen, das Lesen zu lernen, und danach den Reiz nach weiteren Büchern wecken. Sie wird die Macht der Worte erkennen, sowohl der Propagandamaschine der Nazis als auch ihrer eigenen. Und diesen Prozess, diese Liebe zu Büchern, inklusive des schwierigen Aufwachsens in Kriegszeiten beschreibt das Buch so vortrefflich. Neben Liesel gibt es eine große Menge an Nebencharakteren mit vielen persönlichen Dramen, die auch abseits der Erzählungen des abschweifenden Erzählers (Tod berichtet wiederkehrend von seiner Arbeit) viele Aspekte des Krieges und damit seines Schreckens und vor allem die Irrationalität des Nationalsozialismus aufzeigen.

Fazit: Die Bücherdiebin ist ein unglaublich schön und bilderreich geschriebenes Buch über das Aufwachsen eines jungen Mädchens in Zeiten des Krieges. Fantasievoll (der Tod ist der Erzähler) und doch keinen realen Schrecken verbergend, voller positiver Emotionen trotz des düsteren Hintergrundes und zudem eine Liebeserklärung an das Lesen. Eine klare Empfehlung!

Bach und Friedrich der Große

Manchmal überschneiden sich zufällig Themen in gerade von mir konsumierten Büchern und Filmen. So geschehen mit Gödel, Escher, Bach (GEB) und Mein Name ist Bach. Beide nehmen sich dem Musikalischen Opfer an, einer Reihe von Kompositionen, die Bach dem jungen preußischen König Friedrich widmete, nachdem er ihn an seinem Hof von Sanssouci besuchte. Der musikalisch nicht untalentierte Monarch hatte seinem bereits über sechzig Jahre alten Gast, um dessen berühmtes Improvisationstalent zu testen, ein von ihm entworfenes Thema vorgespielt und wollte nun eine Fuge daraus abgeleitet haben.

So weit die Gemeinsamkeiten der beiden unterschiedlichen Werke. In GEB findet dieses Randereignis der Weltgeschichte Erwähnung, weil Bach aus dem königlichen Thema Fugen von sehr hoher Komplexität (sechs Stimmen) entwickelte, die sowohl seine ungeheure Kreativität wie auch Intelligenz aufzeigen. So hat ein Kanon die verwirrende Eigenschaft, nach in Tonarten aufsteigenden Modulationen plötzlich wieder in der Anfangstonart anzukommen, was der Autor als Ausgangspunkt nimmt, um sein Konzept der rekursiven Schleifen vorzustellen. Doch dazu später mehr in der Besprechung des Buches.

Der Film auf der anderen Seite erdichtet neben einer Vater-Sohn-Beziehung zwischen Bach und Friedrich auch eine Liebelei von Friedrichs Schwester Anna Amalie mit Bachs Sohn Friedemann, der mit ihm reiste. Dementsprechend liegt der Schwerpunkt auf der dialoglastigen Ausarbeitung dieses Beziehungsgeflechtes und den daraus entstehenden Komplikationen, die schließlich zu einer Abreise von Bach und Sohn aus Potsdam führen.

Interessant ist der Film immer dann, wenn er seine Figuren in den geschichtlichen Kontext setzt, also zum Beispiel die Probleme von Friedrich mit seinem Vater thematisiert und damit seiner Persönlichkeit Hintergrund verleiht. Jürgen Vogel überzeugt in dieser Rolle, aber trotzdem wollen die beiden zentralen, fiktiven Beziehungen nicht so recht funktionieren, und da der Film darauf aufbaut, nützt auch die gute Ausstattung nichts. Witzig dagegen ist eine Szene mit Detlev Buck als Grenzbeamten, der Bach auf seinem Weg von Leipzig nach Preußen aufhält. Diese erinnert mit ihrer Darstellung der deutschen Kleinstaaterei fatal an die Reise von Gauß nach Berlin in Kehlmanns Die Vermessung der Welt.

(Wer den Film noch sehen möchte, hat heute nacht um 3:00 auf arte die Gelegenheit, die Wiederholung aufzunehmen.)

Stand der Technik VI

Seit der letzten Marktanalyse im Bereich der digitalen Kompaktkameras haben sich meine Anforderungen noch erhöht: Die Kamera sollte bitteschön Belichtungsreihen beherrschen, damit ich etwas mit HDR-Bildern herumexperimentieren kann. Obwohl dies eigentlich in die Domäne der Spiegelreflexkameras fällt, gibt es durchaus auch Kompakte, die so etwas ermöglichen – die erwähnten Samsung WB100 und Panasonic TZ7 zum Beispiel.

Einen anderen Weg, ähnlich dem der Fujifilm Finepix F200EXR, geht dagegen Ricoh mit der CX1. Im Dynamic-Range-Modus werden schnell hintereinander zwei unterschiedlich belichtete Fotos aufgenommen und diese zu einem Bild mit erhöhtem Dynamikumfang zusammen gefasst. Der Fotograph hat allerdings keinen Einfluss auf das Ergebnis und die Kamera ist leider so hässlich, dass ich sie trotz der überragenden Displayauflösung nach einem kurzen Test im Elektronikmarkt von meiner Auswahlliste gestrichen habe.

Dort ist dafür die neue Sony DSC-H20 gelandet. Eigentlich wollte ich nie wieder eine Sony und erst Recht keine Bridge-Kamera, doch die ersten Testergebnisse (auch im wichtigen Punkt der Bildqualität) sind äußerst positiv, die Geschwindkeit überzeugt und erstaunlicherweise ist sie auch gar nicht so viel größer. Das einzige was fehlt ist aber ausgerechnet das Feature der Beleichtungsreihen…

Eldorado

Belgien / Frankreich (2008)
Regie: Bouli Lanners
Darsteller: Bouli Lanners (Yvan), Fabrice Adde (Elie/Didier) und ein paar Amischlitten

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Belgien kann so schön sein. Aber es hat auch Schattenseiten, und ausgerechnet diese zeigt Regisseur und Hauptdarsteller Bouli Lanners dem Zuschauer ausgiebig. Man sieht verlassene Wohnwagenparks, heruntergekommene Dörfer, durch die schon seit Jahren kein Zug mehr fährt, nüchterne Betonbrücken und eine immer nur “die Stadt” genannte Industriemetropole, in der Penner parkende Autofahrer zu erpressen versuchen und Nutten und Drogendealer das Stadtbild domieren.

Schön ist der Film immer dann, wenn er während der Autofahrten oder Rasten die wallonische Landschaft mit weiten Feldern, grünen Hügeln und Wäldern und wilden Flüssen präsentiert. Nach einem reinigenden Regen sieht der schon genannte Wohnwagenpark gleich viel positiver aus, und dieses Bild der Säuberung durch Wasser wird ein ums andere Mal bemüht.

Denn in diesem Roadmovie hat eigentlich jeder Charakter eine Taufe nötig, die ihm ein neues Leben ermöglicht. Fahrer Yvan hat erst die Eltern und zuletzt seinen Bruder durch eine Überdosis verloren, ohne sich verabschieden zu können, und ist jetzt auf der Suche nach einem Inhalt für sein Leben. Dieses steigt unverhofft eines nachts in Form des Ex-Junkies Elie in sein Haus ein. Yvan nimmt sich des Jungen an und erklärt sich bereit, ihn zu seinen Eltern zu fahren. Auf dem Weg dahin lernen sie die skurilsten Menschen mit den seltsamsten Angewohnheiten kennen und lesen einen Hund auf, den seine Besitzer mit zusammengebundenen Beinen von einer Brücke geworfen haben. In Belgien scheint es keine normal tickenden Menschen zu geben.

Das Eldorado, das goldene Land, wird keiner der Charaktere erreichen – ganz im Gegenteil. Elies Elternhaus entpuppt sich als dieselbe Hölle, die ihn einst in die Drogenabhängigkeit trieb und nun wieder in sein altes Dasein in die “Stadt” zurückkehren lässt. Und Yvan der dachte, dass er dem jungen Mann nach der prägenden Reise vertrauen könnte, wird bitter von der Realität enttäuscht. Mit diesem deprimierende Ende wird man ratlos im Kino zurückgelassen und an den Beginn des Films erinnert, als ein auf der Wiese sitzender Mann sich als Jesus ausgab, der viel zu schlau ist, als sich öffentlich zu erkennen zu geben. Es sind vielleicht diese Ikonen, die den Menschen den rechten oder zumindest einen erstrebenswerten Weg weisen, die der Welt fehlen.

Fazit: Eldorado ist ein langsamer Roadmovie, der immer wieder sporadisch durch komische Elemente aufgeheitert wird, ansonsten aber Belgien von seiner schäbigsten Seite zeigt. Das ist an manchen Stellen starker Tobak, aber die vielen Momente, in denen sich der Film seinen verletzten Charakteren so sanft nähert, entschädigen für die spröde Inzenierung.

Die zu direkte Demokratie

Ich bin letzten Samstag, parallel zur Abstimmung der Bundesversammlung über unser neues altes Staatsoberhaupt, im Auto nach Berlin gefahren und hatte das zweifelhafte Vergnügen, auf dem InfoRadio über eine Stunde Live-Übertragung aus dem Reichstag mitzubekommen. Es gab keine weiteren Programmschwerpunkte, also durften ein paar Moderatoren über das stinklangweilige Geschehen während der hinter verschlossenen Türen stattfindenden Auszählung berichten; Journalismus von der traurigsten Sorte.

Um 14:11 herum soll sich das Ergebnis der Auszählung im Plenarsaal verbreitet haben; die offizielle Verkündigung erfolgte dann nach der Ankunft des wiedergewählten Amtsinhabers gegen 14:30, was sich mit meiner Erinnerung an die Live-Übertragung deckt. Die Moderatoren des rbb amüsierten sich in der Zwischenzeit über Bundestagspräsident Lammert, der vor der Tür nur am Telefon hing und anscheinend Horst Köhler erst aus dem Mittagsschlaf im Schloss Bellevue holen musste.

Nun gibt es heute einen großen Aufschrei in den Medien, denn die Bundestagsabgeordnete und damit wahlberechtigte Journalistin Julia Klöckner hat das Ergebnis des Wahlgangs schon um 14:18 per Twitter an alle ihre Follower verteilt und damit quasi öffentlich gemacht. Also fast eine Viertelstunde vor der offiziellen Verkündung. Die SZ hält dies für eine Ausnutzung ihrer Funktion als Beteiligte an der Stimmenauszählung und sieht “eines der ehrwürdigsten und wichtigsten Prozedere der Bundesrepublik [...] beschädigt”. In der Argumentation kommt es noch schärfer: Wenn Vertraute und Journalisten von Politikern aus wichtigen Sitzungen und Wahlen per SMS informiert werden, dann ist dies ok, weil es kein öffentlicher Vorgang ist, sondern ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

Nach dieser Ansicht hat Julia Klöckner für ein paar Wahlkampfsympathiepunkte einen elitären Kreis durchbrochen – nämlich dem gemeinen Volk dieselben Informationen zukommen lassen, die alle anderen in der Bundesversammlung zu diesem Zeitpunkt bereits hatten. Und das Ganze ist nur zum Problem geworden, weil ausgerechnet unser aller Staatsoberhaupt sich nicht an den Zeitplan hielt und zu dem von Lammert angekündigten Zeitpunkt (14:00) den Plenarsaal erreichte.

Es gibt also auch in dieser westdeutschen Form der Demokratie noch Menschen, die sind gleicher als andere. Dass es ausgerechnet der Bundespräsident sein muss, dem immer so viel Volksnähe nachgesagt wird, obwohl er wohl das am indirektesten gewählteste Amt des Staates ist, ist dabei nur Ironie am Rande. Ich befürworte die direkte Form der Demokratie der Julia Klöckner, denn sie übt Druck aus auf die etablierten Strukturen im Berliner Machtapparat. Eine so sinnlose verkomplizierte Prozedur wie die Bundespräsidentenwahl kann ruhig eine Modernisierung verkraften, inklusive mehr Disziplin der Wahlberechtigten. Wenn alle das Ergebnis zur selben Zeit erfahren – das beinhaltet Wähler, Gewählte und auch die betroffenen Bürger des Landes – dann kann es zu solchen Situationen gar nicht kommen. Aber das werden unsere Volksvertreter hoffentlich auch noch erkennen…

Star Trek: Raumschiff Enterprise – Season 1

Nachdem ich vor kurzem den neuen StarTrek-Film im Kino sah, bin ich auf die Blue-Ray-Veröffentlichung der Originalserie aufmerksam geworden und habe sie bei der Online-Videothek meiner Wahl gleich bestellt (zumindest die erste von sieben Scheiben, der auch dieser Artikel zugrunde liegt).

Wie bitte mögen jetzt einige fragen. Eine über vierzig Jahre alte Fernsehserie wird auf einem HD-Medium veröffentlicht? Der glückliche Umstand, der dies ermöglicht, ist dass die fertig geschnittene Serie mit allen Spezialeffekten auf Filmband erhalten wurde und so mehr Details bewahrte als je im TV zu sehen waren.

Dies gilt natürlich nur für nicht nachbehandelte Szenen. Vor allem die Innenaufnahmen auf der Enterprise oder den Planeten haben nach dem digitalen Remastering ein sehr kontrastreiches Bild mit mehr erkennbaren Details als auf den bereits veröffentlichten DVDs. Nur bei wenigen Szenen ist das Bild verwaschen, wo es der Vorlage an Schärfe mangelte. Diese fallen aber umso deutlicher auf, ebenso wie die “Special Effects”-Aufnahmen im Weltraum, die einfach grauenvoll aussehen. Deshalb hat man alle Außenaufnahmen als 3D-Animationen im Stil der Serie erneuert und als alternativen Blickwinkel neben den Originalszenen auf die Blue-Rays gepackt. Dadurch wird die Trashigkeit der Originalserie erhalten; ich würde auf Full-HD-Fernsehern immer die Neuaufnahmen empfehlen.

Mit der aktuellen Digitalisierung der Filmbänder konnte man jedoch nicht das Format der Serie ändern, so dass das Bild im 4:3-Format vorliegt und auf heutigen 16:9-Fernsehern unschöne schwarze Balken rechts und links erzwingt. Ebensowenig wurde die Serie neu synchronisiert, so dass der deutsche Ton in deutlich rauschendem Mono vorliegt. Die englische Tonspur wurde als 5.1-DTS aufbereitet, hat aber auch nur eine Monospur als Grundlage und damit keinen merklichen Vorteil.

Fazit: So ganz HD ist die Blue-Ray-Version der Raumschiff Enterprise-Serie nicht. Zum Einen liegt der Ton nur in Mono vor, zum Anderen ist das Bild im 4:3-Format. Überraschend ist trotzdem, welche Details man dem alten Material noch entlocken konnte – wer als Fan die DVDs noch nicht besitzt, kann hier ohne Bedenken zugreifen.